BERLINER MORGENPOST: Am Ende verlieren alle / Leitartikel von Martin Gehlen zu USA und Iran

Kurzform: Der US-Präsident rutscht ein weiteres
Stück in die Grube hinein, die er sich mit seinem unbedachten
Austritt aus dem Atomvertrag selbst ausgehoben hat. Damals redeten
ihm seine Berater ein, unter dem maximalen Druck der Sanktionen werde
der Iran schon bald lautlos kollabieren und seine Führung um Gnade
winseln. Es kam anders. Stattdessen führt der belagerte Iran seinen
Widersachern nun Zug um Zug vor, dass auch sie für ihre
Konfrontationspolitik einen beträchtlichen Preis zahlen könnten. Denn
Donald Trumps Strategie erzeugt nicht viele Gewinner und nur den
einen Verlierer Iran, wie die Rambo-Rhetorik des Weißen Hauses
suggeriert. Stattdessen könnten am Ende alle zu den Verlierern
gehören. Die Saudis wissen das seit dem Desaster am vergangenen
Sonnabend. Und US-Präsident Trump scheint es mittlerweile zu ahnen.

Der vollständige Leitartikel: Der Schock in Saudi-Arabien über
brennende Ölanlagen sitzt tief, der Schaden ist enorm. Denn die
Raketen trafen nicht herkömmliche Öltanks, sondern gezielt die
wertvollen Gas-Öl-Abscheidekessel. Sie sind das Herzstück der
gesamten Raffinerie, vor Ort montiert und erst in monatelanger
Rekonstruktion zu ersetzen. Trotzdem sind die Reaktionen aus Riad
bisher sehr verhalten. Der saudische König Salman schweigt, sein nach
Washington entsandter Sohn und Ex-Botschafter Khalid bin Salman
beschwor die Gesprächspartner im Pentagon und Außenministerium, man
wolle den Erzrivalen am Persischen Golf zwar ökonomisch isolieren,
aber keinen Krieg. Denn spätestens seit dem Wochenende ist der
gesamten Region klar, über welches Raketenpotenzial der Iran verfügt,
mit dem er auch seine Verbündeten hochrüstet, die Huthis im Jemen,
die schiitischen Milizen im Irak und die Hisbollah im Libanon. Gegen
solche neuartigen Schwarmangriffe mit Drohnen und Marschflugkörpern
sind selbst die teuersten Patriot-Flugabwehrraketensysteme nicht
gewappnet. Bei einem Waffengang stünden daher Saudi-Arabien und die
Vereinigten Arabischen Emirate mit an vorderster Front. Die Folge:
Weitere Förderanlagen würden in Flammen aufgehen, der Export
möglicherweise komplett zusammenbrechen. Ein Rekordölpreis könnte die
Weltwirtschaft in die Rezession treiben. Ausländische Arbeitskräfte,
die das Rückgrat der Ökonomie am Persischen Golf bilden, würden in
Scharen die Koffer packen. Und so rasselt der ferne Chefverbündete
Donald Trump zwar kräftig mit dem Säbel und meldet die USA per
Twitter als “Gewehr bei Fuß”. Doch entscheidend bei seinem
martialischen Tweet ist eher das Kleingedruckte, der Nachsatz, man
warte auf Nachricht aus dem Königreich, wie es jetzt weitergehen
solle. Er habe den Saudis nichts versprochen, beteuerte der
US-Präsident im Oval Office. Man werde sich zusammensetzen und etwas
ausarbeiten. Als Waffenkunde ist ihm das saudische Königreich
hochwillkommen, nicht jedoch als Auslöser eines weiteren
amerikanischen Nahostkrieges wie zuvor in Irak und in Afghanistan.
Entsprechend wankelmütig verhalten sich der Mann im Weißen Haus und
seine Entourage nach dem Großangriff auf die Ölanlagen von Abkaik und
Churais. Mal bezichtigen sie irantreue Milizen im Irak und zeigen
direkt auf Teheran, dann rudern sie nach entschiedenem Protest der
Bagdader Führung wieder zurück. Mal trompetet Trump, diese Attacke
dürfe nicht ohne Antwort bleiben, eine Stunde später flötet er, er
wolle mit niemandem Krieg und lieber Irans Präsident Rohani
persönlich treffen. Und so rutscht der US-Präsident ein weiteres
Stück in die Grube hinein, die er sich mit seinem unbedachten
Austritt aus dem Atomvertrag selbst ausgehoben hat. Damals redeten
ihm seine Berater ein, Außenminister Mike Pompeo genauso wie der
kürzlich geschasste Sicherheitsberater John Bolton, unter dem
maximalen Druck der Sanktionen werde der Iran schon bald lautlos
kollabieren und seine Führung um Gnade winseln. Es kam anders.
Stattdessen führt der belagerte Iran seinen Widersachern nun Zug um
Zug vor, dass auch sie für ihre Konfrontationspolitik einen
beträchtlichen Preis zahlen könnten. Denn Donald Trumps Strategie
erzeugt nicht viele Gewinner und nur den einen Verlierer Iran, wie
die Rambo-Rhetorik des Weißen Hauses suggeriert. Stattdessen könnten
am Ende alle zu den Verlierern gehören. Die Saudis wissen das seit
dem Desaster am vergangenen Sonnabend. Und US-Präsident Trump scheint
es mittlerweile zu ahnen.

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