BERLINER MORGENPOST: Am Rande der roten Linie Michael Stürmer über die schwelende Krise zwischen Israel und dem zerfallenden Syrien

Krieg oder Nicht-Krieg – im Nahen Osten sind die
Grenzen fließend. Das gilt auch für die Nachricht, dass israelische
Jagdbomber auf der syrischen Seite an der Grenze zum Libanon einen
Konvoi mit Luftabwehrraketen des russischen Typs SA 17 angegriffen
haben. Diese Missiles gelten als hochwirksam, da sie leicht zu
transportieren und zu verstecken sind und ihr Ziel selbstständig
suchen und vernichten, speziell niedrig fliegende Maschinen. Die
Israelis betrachten diese Waffen als hochgefährlich, weil sie die
Vorherrschaft ihrer Luftwaffe über den von der Hisbollah
kontrollierten Gebieten im südlichen Libanon infrage stellen. Das
russische Außenministerium beschwerte sich über den israelischen
Angriff.

Zur selben Zeit meldete die syrische Nachrichtenagentur voller
Empörung, israelische Maschinen hätten einen militärischen
Forschungskomplex angegriffen. Was nicht gesagt wurde, was
israelische Quellen aber nahelegen, ist die Tatsache, dass es sich
dabei sehr wahrscheinlich um Chemiewaffen handelt, vermutlich auch
biologische Kampfmittel. Handelt es sich um Zerfallserscheinungen des
Assad-Regimes und seiner Armee, und will die vom Iran ausgehaltene
Hisbollah aus der Erbmasse an Waffen holen, was als fast schon
herrenloses Gut herumliegt? Oder sucht das bedrängte Regime in
Damaskus bewusst die Ausweitung der Kämpfe durch Provokation Israels?

Die Antwort verbirgt sich im Nebel des Krieges. In beiden
Varianten geht es um Bedrohungen, die für den Staat Israel jene rote
Linie verletzen, welche die Regierung in Jerusalem zur Abschreckung
und Eindämmung gezogen hat. Auch die Amerikaner machen kein Geheimnis
daraus, dass Chemiewaffen in Händen der irregulären Kampfverbände wie
Hisbollah oder Hamas die höchste Alarmstufe auslösen – und
möglicherweise Intervention. Die Kämpfe in Syrien haben einen Zustand
erreicht, der mit den Genfer Formeln längst nicht mehr zu bewältigen
ist. Syrien und der Iran drohen Vergeltung an gegen Tel Aviv, ohne in
Einzelheiten zu gehen. Wenn nichts passiert, kann alles passieren –
und zwar schneller, als man sich das in Berlin und Umgebung
vorstellen möchte.

Was die Lage noch verschärft: Syrien ist längst kein Staat mehr –
außer vielleicht im streng völkerrechtlichen Sinne. Der Staat ist im
Verfall begriffen. Er wird aufrechterhalten allein von dem großen
Nachbarn Iran. Und durch das russische Interesse, den alten
Verbündeten am Mittelmeer nicht zu verlieren und es sich weder mit
den Herren von heute noch mit denen von morgen zu verderben. Solche
Verfallsprozesse sind nach aller historischer Erfahrung
unkontrollierbar und ziehen alle Nachbarn in ihren Sog. Es ist zu
vermuten, dass die Lagezentren in Washington, Moskau und Peking auf
das Äußerste gespannt sind. Und mit ihnen die Menschen in Israel.
Denn sie wissen genau, wie nah sie am Rande eines Pulverfasses leben,
das jederzeit implodieren kann.

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