BERLINER MORGENPOST: Die Eltern sind gefragt / Leitartikel von Birgitta Stauber zu den Verhaltensauffälligkeiten bei Schulkindern

So viele Depressionen, so viele Essstörungen, Angstzustände, dazu
ein gestörtes Verhältnis zum Körper: Was fehlt Kindern und Jugendlichen heute
bloß in dieser Wohlstandsgesellschaft, und wie können wir ihnen helfen?

Mag sein, dass sich die wachsende Zahl psychisch kranker Kinder damit erklären
lässt, dass Eltern wie Lehrer viel früher reagieren. Mag sein, dass es in
früheren Zeiten hinsichtlich der seelischen Gesundheit Heranwachsender weniger
Sensibilität gab. Doch wenn tatsächlich jedes vierte Schulkind Auffälligkeiten
zeigt, dann kommt eine unfassbar hohe Zahl an Jungen und Mädchen nicht mit sich
und der Gesellschaft klar. Wenn dann noch, wie die Kinder- und Jugendärzte
mutmaßen, eine erhebliche Dunkelziffer hinzukommt, ist das tatsächlich ein
äußerst verstörender Zustand einer Generation. Das lässt sich nicht mehr abtun
mit Sprüchen wie: Früher hatten wir auch viele verzweifelte Kinder in der
Klasse.

Bei der Frage nach den Ursachen ist man schnell bei den sozialen Netzwerken und
dem öffentlichen Druck, der durch Instagram und Co. aufgebaut wird. Aufmerksame
Eltern kennen das: Wenn jugendliche Mädchen sich selbst fotografieren für ein
erfolgreiches Selfie, verziehen sie gern ihren Mund zum sogenannten Duckface,
einer Schnute, die dem Gesicht einen leicht lasziven Touch gibt. Als weniger
albern, aber umso sexyer gilt das “Fish Gape”, bei dem der Mund wie ein offenes
Fischmaul inszeniert wird. Wird dann noch die richtige Barbie-Pose eingenommen,
dann gibt es in der Community eine “Eins” für die Selbstinszenierung.

Dabei gilt: Je näher dran am Influencer-Vorbild man ist, desto besser für die
Likes und Shares. Und die sind die Währung, um die es geht. Doch welcher Körper
ist so makellos, dass er dem (öffentlichen) Vergleich standhält?

Das ganze Prozedere ist eben anders als früher, als wir experimentierten mit
Blondierungen, megakurzen Rüschen-Röckchen und dem allzu sorglosen Griff in die
Lidschatten-Dose. Die meisten von uns waren nicht in der Lage, die Versuche der
Selbstinszenierung einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Heute
hingegen wird die Suche nach einer positiven Bewertung schnell zum größten
Problem. Auch wenn Schulen eine Menge mit Aufklärungsaktionen tun und
Sozialarbeiter einbinden: Hier ist die kleinste Keimzelle der Gesellschaft
gefragt – die Familie. Und da ist eben vieles im Fluss: Vater wie Mutter werden
heutzutage voll und ganz vom Beruf in Beschlag genommen, Kinder sind vollkommen
beschäftigt mit Ganztagsschule und dem sonstigen Programm.

Ganz abgesehen von sich auflösenden und sich neu formierenden Familien, in denen
sich jedes Mitglied erst mal neu finden muss. Wer hat da abends noch Kraft, den
Lieferando- und Netflix-Verlockungen zu widerstehen, selbst zu kochen und beim
Essen Grundsatzdiskussionen über offene Profile zu führen oder den überdrehten
Teenager aufzufangen? Ihm zu helfen, dem Gruppendruck zu widerstehen und eine
Haltung zu finden, etwa zu Mobbing, Diskriminierung (auch, um etwa dem Hass auf
den eigenen Körper etwas entgegenzusetzen) und Gewalt?

Wer schafft es, den Nachwuchs (und dessen Freunde) nach draußen zum
Fußballspielen zu schicken und so lange die Smartphones einzukassieren? Vor
lauter Erschöpfung lebt die Familie mitunter wie eine Wohngemeinschaft, über der
sich eine wabernde Gleichgültigkeit breitgemacht hat, nach dem Motto: Sollen
doch die Schulen den Kampf führen. Der Teenager wird sich schon wieder
einkriegen. Die Wahrheit ist: Er kriegt sich eben viel zu oft nicht ein.

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