BERLINER MORGENPOST: Gewalt als Triebfeder / Miguel Sanchesüber Cyberattacken

Niemand möchte über seine Misserfolge reden. Über
Geld spricht man sowieso nicht, vielleicht entgegen dem Volksmund
erst recht, wenn man es gerade nicht hat. Und das
“Geschäftsgeheimnis” ist ohnehin heilig und wird so geschützt wie
Kronjuwelen. Wer kulturell so vorgeprägt ist, der ist anfällig dafür,
Probleme zu verdrängen, zu verschweigen oder zu leugnen.

In der Wirtschaft also redet man ungern über Schwächen. Die Firmen
empfinden es zum Beispiel als Blöße, sich als Opfer von Spionage zu
outen. Cyberattacken melden sie – vor allem, seit sie dazu gesetzlich
verpflichtet sind. Ansonsten scheuen sie den Imageverlust. Es ist
keineswegs rollengerecht, sondern ein Aha-Erlebnis, wenn die
Wirtschaft wie gestern auf einer Tagung in Berlin offen über
Extremismus von links wie rechts klagt: über reale Gefährdungen –
Anschläge -, über Radikale im eigenen Bereich wie über
Ansehensverlust. Es geht längst um die Reputation des Standortes
Deutschland im Allgemeinen und bestimmter Marken im Besonderen. Die
Wirtschaft war darauf nicht wirklich vorbereitet, um es in der
Sprache des Marktes zu sagen: Es war nicht eingepreist.

Nicht zufällig war gestern viel vom Hambacher Forst die Rede. Mit
den Protesten drängt sich eine Frage auf: Ob und wo die
Meinungstoleranz und die Versammlungsfreiheit ihre Grenzen haben. Der
Protest gegen die Klimapolitik und gegen den Tagebau des
Energiekonzerns RWE ist zunächst einmal legitim, erst recht das
Eintreten für den Wald.

Aber die Grenzen des zivilen Ungehorsams müssen auch klar sein.
Wenn der Protest nicht mehr gewaltfrei ist, wo es gar zum
Landfriedensbruch kommt, darf man nicht länger wegschauen oder die
Gewalt tolerieren. Der frühere Verfassungsrichter Udo di Fabio
bemerkte zu Recht, dass jeder, der zu Demonstrationen schon bewaffnet
anreise, sich nicht auf die Versammlungsfreiheit berufen könne; und
dass der Polizeibeamte, der beim G-20-Gipfel oder am Hambacher Forst
eingesetzt wird, “von uns da hingestellt wurde” – von den Bürgern und
zum Schutz des Rechtsstaates.

Dass die Grenzen zwischen bürgerlichem Protest und gewaltbereiten
Extremisten fließend sind, ist ein Phänomen dieser Tage. Man
beobachtet es ja auch an den Demonstrationen der “Gelbwesten” im
benachbarten Frankreich. Sie sind mehrheitlich friedlich. Aber die
Aktionen werden häufig genug von blinder, wahlloser Gewalt begleitet,
fast so, als wäre die Zerstörungswut der Kollateralschaden des
Demonstrationsrechts; hässlich, aber irgendwie hinnehmbar und zu
rechtfertigen, weil doch der gute Zweck – der Klimaschutz am
Hambacher Forst, die Nord-Süd-Problematik beim G-20-Gipfel – die
Mittel heilige. Da müssen die friedlichen Demonstranten aufpassen,
andernfalls heißt es: Sag mir, in welcher Gesellschaft du
protestierst – und ich sage dir, wer du bist.

Zur Wahrheit gehört, dass die Leute zunehmend das Gefühl haben,
dass sie weder politisch ernst genommen noch medial wahrgenommen
werden, solange ihr Protest eine gewisse Reizschwelle nicht
überschritten hat. Gewalt erzeugt Schlagzeilen, und Aufmerksamkeit
ist wiederum die Triebfeder für Protest.

Die Wirtschaft, aber auch die Politik und die Sicherheitsbehörden
müssen sich mit dem Extremismus auseinandersetzen. Auffällig oft
fehlt den Unternehmen eine Kommunikationsstrategie: Wie halten sie in
der Öffentlichkeit dagegen, wenn sie Ziel extremistischer Agitation
sind, wie gehen sie mit Imageschäden um, aber auch: Wie greifen sie
Protest auf? Denn Protest, der ungehört und folgenlos bleibt, der
nichts bewegt, der wird tendenziell nur schriller, radikaler und
heftiger.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/887277 – 878
bmcvd@morgenpost.de

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