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Börsen-Zeitung: Alles ist möglich, Kommentar zur Zukunft von Air Berlin von Lisa Schmelzer

In Zeiten des Wahlkampfs ist alles möglich. Da
wird aus einem Insolvenzverfahren, das eigentlich die Sanierung eines
Unternehmens zum Ziel hat, ein Basar, der nur dem Feilschen und
Verkaufen dient. Da werden aus Ministern, die um Neutralität bemüht
sein sollten, Lobbyisten im – selbstverständlich ehrenamtlichen –
Dienste der Lufthansa. Da werden aus Gläubigern, sonst in
Insolvenzverfahren stark involviert, Randfiguren. Und da werden aus
Wettbewerbshütern, die Einwand erheben, Spielverderber. Insofern war
der Zeitpunkt für die Air-Berlin-Insolvenz gut gewählt, denn in
Zeiten des Wahlkampfes ist tatsächlich alles möglich.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt wünscht sich einen
„deutschen Champion“ im Luftverkehr. Den wird er bekommen. Ob es am
Ende tatsächlich die beste Lösung ist, wenn Air Berlin mehr oder
weniger komplett bei Lufthansa landet, sei dahingestellt. Wer denkt,
damit könnten möglichst viele Arbeitsplätze gerettet werden, irrt,
denn zunächst verlieren alle Mitarbeiter ihren Job und können sich
dann neu bewerben. Mit offenem Ausgang.

Ob die Lufthansa, heute schon der „deutsche Champion“, durch das
Verschwinden von Air Berlin und eine Aufnahme eines Großteils der
Flotte des Konkurrenten tatsächlich gestärkt wird, muss sich erst
noch zeigen. Denn die Integration von 80 oder mehr Flugzeugen ist ein
Kraftakt, den es zu stemmen gilt. Die Tochter Eurowings, bei der die
meisten Flugzeuge landen sollen, ist schon heute ein
Gemischtwarenladen, der alles in allem noch zu hohe Kosten hat, um
tatsächlich konkurrenzfähig zu sein.

Und die Konkurrenz wird nicht ruhen, nur weil der Marktführer
größer geworden ist. Deutschland ist im Vergleich zu anderen Märkten
noch relativ wenig von Billigfluganbietern durchdrungen, Ryanair und
Easyjet haben mit ihrer Expansion gerade erst angefangen. Auch
Easyjet kann sich Hoffnung auf ein Stück Air Berlin machen und hat
dann mehr Schlagkraft.

Ryanair ist jahrelang vom deutschen Steuerzahler alimentiert
worden, die Iren wurden mit Vergünstigungen an landeseigene regionale
Flughäfen gelockt. Das muss man im Hinterkopf haben, wenn man die
Klage gegen die Kreditbürgschaft des Bundes für Air Berlin beurteilen
will. Mit seiner Einschätzung, dass etwas nicht mit rechten Dingen
zugehen kann, wenn sich die Nummer 1 und die Nummer 2 am Markt
einfach so zusammentun können, liegt Ryanair-Chef Michael O–Leary
aber richtig. Was er vielleicht vergessen hat: Es ist Wahlkampf.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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