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Börsen-Zeitung: Alles prima, Marktkommentar von Dietegen Müller

So wie heute war die Welt noch nie. Die globale
Bevölkerungsstruktur sah früher anders aus, und noch nie gab es eine
Wirtschaftsstruktur mit einem solchen technologischen und sozialen
Wissen wie heute. Und doch glauben wir, Regeln der Vergangenheit
würden für diese Welt auch in Zukunft ihre Gültigkeit behalten.

Diese triviale Erkenntnis weist auf ein Dilemma hin, in dem sich
Investoren stets wiederfinden. Welche Erwartungen sind angemessen?
Eine Orientierung fällt heute aber schwerer als früher. Folgt man den
Worten von Klaus Regling, Chef des Europäischen
Stabilitätsmechanismus (ESM), wächst die Eurozone derzeit – trotz
Risiken, die dabei nicht unerwähnt bleiben – ziemlich dynamisch. Die
Wachstumsrate liege über dem Potenzialwachstum, die Output-Lücke
schließe sich, heißt es. Ja, das Pro-Kopf-Wachstum des
Bruttoinlandsprodukts liege in etwa wieder auf der Höhe des
US-Wachstums. Und dies bis dato auch noch mit wenig Inflation. Gibt
es dafür eigentlich einen Ausdruck: Wachstum ohne Inflation? Wird
dies die Normalität der nächsten Jahre sein? Ist einfach alles prima?

Verfestigtes Denkmuster

Nach der Mean-Reversion-Theorie müsste aber die Inflation nach
einer Phase der Deflation oder Disinflation irgendeinmal
zurückkehren. Die Anleihenmärkte würden nach Jahrzehnten der Hausse
eines Tages einfach einmal eine Wende einlegen. Auch der Bad
Homburger Vermögensberater Feri meint, im Markt sei ein „verfestigtes
Denkmuster einer deflationären Welt“, und warnt von einem „blinden
Fleck an den Rentenmärkten“, was Risiken für eine Kurskorrektur
betreffe.

Befürworter dieser These werden sich dieser Tage bestätigt sehen.
Weltweit steigen die Renditen an den Staatsanleihemärkten. Die
Bundesanleihen könnten im Oktober – noch steht der letzte Handelstag
aus – gar die schlechteste Monatsperformance seit dem Jahr 2013
eingefahren haben. Zu Wochenschluss lagen auch für fünfjährige
Laufzeiten die Renditen wieder über dem Einlagensatz von -0,4% der
Europäischen Zentralbank (EZB), das heißt, diese Papiere können im
Rahmen des Anleihekaufprogramms wieder erworben werden. Der Impuls
dafür kam aus Großbritannien, wo die Wachstumsdaten besser als
erwartet ausgefallen sind und die Gilt-Renditen hochgetrieben haben.
Nicht zuletzt haben sich auch die Bankaktien erholt – sie gelten als
Indikator für Deflationsrisiken. Ist damit die seit Jahren periodisch
diskutierte Trendwende eingeläutet? Stehen Inhaber von Bonds nun vor
einem neuen Zeitabschnitt mit über einen womöglich langen Zeitraum
hinweg fallenden Kursen und erheblichen Verlustrisiken? Oder werden
die Anleihenkurse weiter leicht steigen oder gegebenenfalls auf hohem
Niveau verharren und einige Notenbanken sich als permanente Käufer
entpuppen?

Auch für diese Sicht gibt es gute Argumente. Die schwedische
Reichsbank hat am Donnerstag eine weitere quantitative Lockerung
nicht ausgeschlossen und erklärt, die Zinsen nicht vor 2018 erhöhen
zu wollen. EZB-Direktor Benoît Coeuré sagte am Freitag, die Grenzen,
wie tief die Zinsen gehen könnten, lägen tiefer als derzeit der
Einlagensatz (-0,4%).

Inflation zieht an

Nach wie vor bewegen sich substanzielle Teile der Renditen in
Staatsanleihenmärkten entwickelter Industrienationen im
Negativbereich. Auch liegen die Inflationserwartungen in den USA und
in Europa weiter auf niedrigem Niveau (siehe Chart), obwohl sie
zuletzt gestiegen sind. In Deutschland stieg die Teuerungsrate im
Oktober gemessen am harmonisierten Verbraucherpreisindex nach
vorläufigen Angaben um 0,7%, so viel wie seit zwei Jahren nicht mehr
– was vor allem auf den Anstieg der Ölpreise zurückzuführen ist. Wer
wird recht behalten: Jene Anleger, die darauf setzen, dass Inflation
wieder eine wichtige Rolle spielen wird, oder jene, die dies nicht
glauben? Jene, die darauf wetten, dass die Notenbanken die
quantitative Lockerung zurückfahren und die Zinsen wieder anheben
werden, und deswegen auf zyklische Unternehmen und Finanzwerte
setzen, oder jene, die meinen, dass auch in den nächsten Jahren alles
prima bleibt – es Wachstum mit kaum Inflation geben wird?

Welche Auswirkungen die Notenbankpolitik auf die Verteilung von
Kredit und Verschuldung im Finanzsystem haben wird, dürfte erst so
richtig in einigen Jahren sichtbar werden. Auch, ob es neue Modelle
braucht, um bisher nicht verstandene Effekte aus dem Zusammenspiel
von technologischem Fortschritt, alternder Bevölkerung und
gestiegener Vernetzung der Märkte zu verstehen. Das bedeutet auch zu
hinterfragen, wie stark die Weltwirtschaft weiter zulegen kann.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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