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Börsen-Zeitung: Auf zur Leichenfledderei, Kommentar zu Air Berlin von Heidi Rohde

Angesichts eines Geschäftsmodells, das als
komplett gescheitert gilt, und bestehender Überkapazitäten in der
europäischen Fliegerei sind sich Branchenkenner seit langem einig:
die gesündeste Lösung wäre, wenn Air Berlin einfach vom Himmel
verschwände. Indes hat nüchterner Expertenrat im Angesicht des
Verlusts tausender Arbeitsplätze wenige Wochen vor einer
Bundestagswahl wenig Gewicht. Daher überrascht es nicht, dass von
allen Seiten wohlfeile Unterstützungsangebote kommen und die Politik
sich hoffnungsvoll den Gesprächen zwischen Lufthansa und Air Berlin
zuwendet, bei denen es um die Übernahme von „Teilen“ der
Gesellschaft, also Kapazitäten mit Mann und Maus geht.

Mehr als Teile des insolventen Wettbewerbers wird die Lufthansa
schon aus kartellrechtlichen Gründen nicht übernehmen können. Andere
wesentliche Hürden, die die Kranichlinie bisher davon abhielten,
direkt nach Air Berlin zu greifen, sind allerdings gefallen. Mit der
Insolvenz befreit sich der chronisch defizitäre Carrier von einem
milliardenschweren Schuldenberg, der nur mit Hilfe des Großaktionärs
Etihad überhaupt aufgetürmt werden konnte und der einer Übernahme
durch Lufthansa im Wege stand.

Zugleich wird Air Berlin damit auch für andere Wettbewerber
interessanter, die ebenfalls mit Macht im lukrativen deutschen
Luftverkehr expandieren wollen, namentlich der irische Billigflieger
Ryanair – hierzulande bereits die Nummer 3 – und auch andere. Genau
dies ist nicht nur die Sorge der Lufthansa, sondern auch der Tui,
deren eigene Airline sich mit beträchtlichem Kostengepäck im
Wettbewerb heute schon schwer tut. Deshalb wäre der Touristikkonzern
wohl auch gerne bei einer Lösung für Air Berlin mit eingebunden, kann
allerdings selbst dafür kaum Geld auf den Tisch legen.

Auch wenn es den Wünschen der deutschen Airlines und der Politik
stark entgegenläuft, muss genau dies aber das Interesse der Gläubiger
sein. Diese dringen naturgemäß darauf, dass Air Berlin bestmöglich
verwertet wird. Die Fluggesellschaft, die kein einziges Flugzeug mehr
besitzt und schon lange alles Tafelsilber verkauft hat, kann ohnehin
kaum verwertbare Assets bieten. Immerhin besitzt sie aber eine Reihe
von sehr begehrten Landerechten an Flughäfen wie Berlin, Düsseldorf
oder Palma. Dafür wird es an Interessenten nicht mangeln, auch
solchen, die bezahlen können, wie etwa Ryanair. Bei einem Verkauf der
Airline – als Ganzes oder in Teilen – kann der Insolvenzverwalter
kein Gebot ausschlagen, nur weil der deutschen Konkurrenz oder der
Politik der Bieter nicht gefällt.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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