Börsen-Zeitung: Die Luft ist raus / Kommentar zur Geschäftslage bei Infineon von Stefan Kroneck

Als der Vorstand von Infineon zur Bilanzvorlage
im November mit einer allzu forschen Prognose in den Markt
vorpreschte, nahmen ihm die Anleger das nicht mehr ab. Trotz neuer
Rekordzahlen in der Erfolgsrechnung quittierten die Investoren den
optimistischen Ausblick seinerzeit mit einem Kurseinbruch von 7,8%.
Wie sich nun herausstellte, waren diese Zweifel berechtigt. Am
Mittwoch sackte die Aktie von Deutschlands größtem Chipkonzern
zeitweise um 8,6% ab, als die Konzernführung mit einer abermaligen
Umsatz- und Gewinnwarnung aufwartete.

Die zweite Senkung der Jahresprognose binnen weniger Wochen
gleicht einem Eingeständnis der Konzernführung, sich in der
Geschäftsentwicklung verkalkuliert zu haben. Mehr noch: Statt eines
bislang erwarteten operativen Gewinnzuwachses müssen die Anleger sich
nun auf einen Ergebnisrückgang einstellen. Das wäre der erste Dämpfer
seit 2010. Die Analysten sind nun gezwungen, ihre Schätzungen
deutlich zu kappen, rechneten sie doch im Schnitt für 2019 immer noch
mit einem Gewinnzuwachs. Das schafft nicht gerade Vertrauen in die
Prognosequalität von Vorstandschef Reinhard Ploss und seiner
Führungsmannschaft.

Schon im Herbst standen für Infineon wie für die gesamte
Halbleiterbranche die Zeichen auf Gelb. Die Weltwirtschaft kühlte
sich ab. Der Handelsstreit zwischen den USA und China hinterließ
Spuren. Aufgrund ihrer Geschäftsmodelle sind Chipproduzenten
Frühindikatoren für die Konjunktur. Wettbewerber von Infineon zogen
erste Konsequenzen und dämpften ihre Erwartungen. Der Dax-Konzern zog
zunächst Anfang Februar mit einer relativ geringfügigen Senkung der
Prognose nach.

Nun stellt sich heraus, dass die Konjunkturabkühlung schneller
verläuft als erwartet. In den vergangenen Wochen schwächte sich vor
allem das Geschäft im asiatischen Riesenreich deutlich stärker ab.
Für Infineon ist das schmerzlich, macht doch China mittlerweile rund
ein Viertel des Konzernumsatzes aus. Die Autoindustrie, einer der
größten Abnehmer von Infineon-Produkten, stellt sich auf ein maues
Jahr ein. Sollte die Weltwirtschaft weiter absacken, hätte Infineon
womöglich mit ihrer jüngsten Umsatz- und Ergebniswarnung das Ende der
Fahnenstange noch nicht erreicht. Weitere Prognosekürzungen wären die
Folge, ebenso neue Kursturbulenzen. Seit ihrem Höchststand im
Frühsommer 2018 hat die Aktie ein Drittel an Wert eingebüßt.
Unsicherheit ist Gift für die Börse. In Bezug auf Infineon ist für
Anleger die Luft raus.

(Börsen-Zeitung, 28.03.2019)

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