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Börsen-Zeitung: Vertagt, Kommentar zur Europäischen Zentralbank von Mark Schrörs

Das hat den nach Zentralbankliquidität süchtigen
Finanzmärkten aber mal so gar nicht geschmeckt: EZB-Präsident Mario
Draghi widerstand gestern nicht nur – zu Recht – der Verlockung,
bereits jetzt eine Verlängerung des Wertpapierkaufprogramms
Quantitative Easing (QE) über März 2017 hinaus zu verkünden. Er
zeigte sich auch sonst – ungewohnt – eher zurückhaltend. Nun ist
Draghi zwar sicher nicht über Nacht zum geldpolitischen „Falken“
geworden und eine QE-Verlängerung erscheint nach wie vor sehr
wahrscheinlich. Im besten Fall aber war das ein Signal an bzw. ein
Weckruf für die Marktteilnehmer: Es gibt nicht immer automatisch
mehr, mehr, mehr, nur weil diese das einfordern oder darauf wetten.

Für eine QE-Verlängerung spricht dennoch schon allein, dass die
Europäische Zentralbank (EZB) kaum wird Marktunruhe riskieren wollen,
die droht, wenn sie die Käufe abrupt beendet. Dadurch, dass sie sich
nun mindestens bis zur Oktober-, vielleicht gar bis zur
Dezember-Sitzung Zeit gekauft hat, wird diese Entscheidung aber
wenigstens unter anderen Vorzeichen stehen: Denn bis zum
Jahreswechsel sollte die Euro-Inflation von 0,2 Prozent in Richtung
1,0 Prozent klettern. Dann müsste das überzogene Gerede über
Deflationsgefahren ad acta gelegt sein. Die EZB sollte dann mit mehr
Zuversicht agieren – und auch den Exit mitdenken. Absurde Ideen wie
die des Helikoptergelds oder neue Abenteuer wie den Kauf von Aktien,
auf die aktuell mancher spekuliert, braucht es sicher nicht.

Die Vertagung der Verlängerung, die sicher teils auch dem Umstand
geschuldet ist, dass damit heikle Fragen zu zentralen QE-Regeln zu
klären sind, hat zwar auch den positiven Nebeneffekt, dass der Druck
auf die Euro-Staaten erhöht wird, endlich mit Reformen ihren Beitrag
zum Wachstum zu leisten. Allzu große Hoffnung aber sollte niemand
haben: Angesichts des Italien-Referendums Ende 2016 und der Wahlen in
Frankreich und Deutschland 2017 sind große Würfe leider kaum zu
erwarten.

Für die EZB stellt sich dann aber die Frage, ob sie wirklich umso
mehr tun will – so wie es Notenbanker Benoît Coeuré jüngst avisiert
hat. Natürlich hat sie ihr Mandat und ihr Ziel – mittelfristig 2,0
Protent Inflation. Aber sie darf die zunehmenden Gefahren ihrer
Politik nicht ignorieren. Und das übrigens eben auch mit Blick auf
das Ziel selbst: Denn wenn die EZB zu immer riskanteren Instrumenten
greift, um auf Teufel komm raus die 2,0 Prozent zu erreichen, dabei
aber die Saat für neue Finanzexzesse legt, hat sie nichts gewonnen:
Wie schnell es mit der Preisstabilität vorbei ist, wenn es keine
Finanzstabilität gibt – das hat die Weltfinanzkrise sehr
eindrucksvoll gelehrt.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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