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China: Wachstumsunterstützung hat Priorität

Die globale Wachstumsschwäche hat auch China erreicht – sehr zur Besorgnis seiner internationalen Handelspartner. Auch wenn die politischen Stimulierungsmaßnahmen nicht das gleiche Ausmaß wie zu Zeiten der globalen Finanzkrise 2008/2009 erreichen dürften, zeigt sich die chinesische Regierung inzwischen entschlossen, einem wirtschaftlichen Einbruch entgegenzuwirken. Für China ist die derzeitige Phase zwar auch eine Möglichkeit, die Zielsetzungen des neuesten Fünfjahresplanes anzusteuern. Kontrollierte Wachstumsabkühlung und ein nachhaltigeres Wirtschaftsmodell werden darin angestrebt. Aktuell steht aber die Unterstützung der Konjunktur klar im Fokus.
China hat in den vergangenen Jahrzehnten eine beeindruckende Entwicklung vollzogen. Jährliche Wachstumsraten deutlich oberhalb der 10 %-Marke waren keine Seltenheit. Längst hat China Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst, und in diesem Jahr wird der chinesische Anteil am globalen Bruttoinlandsprodukt (gemessen in Kaufkraftparitäten) voraussichtlich sogar größer ausfallen als der der Eurozone. Aufgrund der starken internationalen Handelsverflechtungen ist China zum Motor der globalen Konjunktur avanciert. Kommt dieser Motor ins Stottern, spürt die Weltwirtschaft die Auswirkungen. Aus diesem Grund richten sich die Blicke zunehmend sorgenvoll nach China, denn das Wirtschaftswachstum hat sich in den vergangenen Quartalen sukzessive abgeschwächt. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres sank das BIP-Wachstum auf 8,1 % gegenüber Vorjahr und für das zweite Quartal steht mit einer Wachstumsrate des BIPs von 7,6 % der niedrigste Wert seit drei Jahren zu Buche. Die rückläufige Jahreszuwachsrate verdeckt jedoch den Blick für die leichte Beschleunigung des Wachstums im Quartalsvergleich von rev. 1,6 % im ersten Vierteljahr auf 1,8 % im zweiten Quartal.
Angesichts der Zielsetzungen im aktuellen Fünfjahresplan (2011-2015) sind niedrigere Wachstumsraten aber durchaus als Schritt in die richtige Richtung zu sehen. Die Regierung ist bestrebt, ein nachhaltigeres Wachstumsmodell zu schaffen. Die bisherige Strategie, die dem Land in den vergangenen Jahren immer wieder Zuwachsraten im zweistelligen Bereich bescherte, gründet sich maßgeblich auf Exporte und Investitionen. Dies hat sich zwar als äußerst effektiv herausgestellt, birgt aber gleichzeitig die Gefahr einer wirtschaftlichen Überhitzung.
Dieses Problem ist auch der chinesischen Regierung bewusst. Premierminister Wen Jiabao bezeichnete das Wachstumstempo der Vorjahre jüngst als unausgewogen und nicht aufrechtzuerhalten. Qualität, nicht Quantität müsse künftig im Vordergrund stehen, so der Regierungschef. Der private Verbrauch, dessen Anteil am BIP in den vergangenen Jahren zurückgegangen war, soll einen größeren Stellenwert erhalten und zu einem wichtigen Pfeiler des Wachstums werden. Eine gleichmäßigere Wohlstandsverteilung sei hierfür unerlässlich. Der bereits beobachtbare Anstieg des Lohnniveaus, aber auch die Erleichterung der Kreditvergabe für kleine und mittelständische Unternehmen sowie Privatpersonen sind unseres Erachtens wichtige Schritte, um das Ziel eines stärker binnenwirtschaftlich getriebenen Wachstums zu erreichen. Gleichzeitig wurde im aktuellen Fünfjahresplan die durchschnittliche Wachstumsrate für die Jahre 2011 bis 2015 mit 7,0 % beziffert. Die Anfang dieses Jahres für 2012 vorgegebene Zielmarke beträgt 7,5 %. In der Vergangenheit zeigte sich aber, dass die jährlichen Zielvorgaben meist als absolute Untergrenze anzusehen waren und die tatsächlichen Zuwächse des BIPs oft deutlich darüber lagen.
Das aktuelle konjunkturelle Umfeld ist geprägt von im Trend nachgebenden Stimmungs- und Frühindikatoren. An erster Stelle sind hier die Einkaufsmanagerindizes (PMI) im Verarbeitenden Gewerbe zu nennen, die bereits im vergangenen Jahr von den hohen Niveaus deutlich sanken und inzwischen die 50er Marke erreicht oder unterschritten haben. Dramatische Einbrüche wie 2008 aber sind bislang nicht zu konstatieren, und der jüngste Anstieg des vorläufigen Markit/HSBC-PMIs im Juli von 48,2 auf 49,5 Punkte lässt hoffen, dass die Talsohle durchschritten ist. Im Dienstleistungsgewerbe zeigen die Einkaufsmanagerindizes weiterhin ein uneinheitliches Stimmungsbild. Der Blick auf die Verbraucherumfrage oder das Unternehmensvertrauen bringt ebenfalls keine Klarheit. Vor allem die Verbrauchstimmung schwankt deutlich, ohne einen Trend aufzuweisen. Moderate Zuwächse für die chinesische Wirtschaft in den kommenden Monaten signalisiert aber der OECD-Frühindikator für China.
Vor dem Hintergrund der nachlassenden konjunkturellen Dynamik hat in den letzten Monaten ein Umdenken bei der politischen Führung stattgefunden, hin zu Unterstützungs- und Lockerungsmaßnahmen. Ein umfangreicher Stimulus wie vor drei Jahren – zur Bekämpfung der globalen Wirtschaftskrise 2008/09 – ist diesmal allerdings nicht zu erwarten, denn der starke Anstieg der Kreditvergabe und die hohen BIP-Wachstumsraten sorgten seinerzeit für eine Zunahme der Inflationsrate, die im Sommer 2011 bei 6,5 % den Höhepunkt erreichte.
Seit Mitte 2011 beschränkte sich die Wirtschaftsstützung durch die Regierung – auch vor dem Hintergrund der hohen Inflationsrate – auf fiskalpolitische Feinsteuerung. Seit Ende des Jahres hat die chinesische Zentralbank (PBC) dann zusätzlich die Mindestreserveanforderungen für Kreditinstitute dreimal gesenkt und begann Anfang Juni 2012 schließlich mit Leitzinssenkungen von 6,56 % auf aktuell 6,00 %. Die inzwischen signifikant gesunkene Teuerungsrate lässt der PBC Spielraum für geldpolitische Schritte dieser Art. Dass inzwischen aggressiver gegen die wirtschaftliche Abschwächung angegangen wird, liegt wohl auch daran, dass ab dem Herbst dieses Jahres der politische Führungswechsel beginnt und man diesen bevorzugt in einem stabilen konjunkturellen Umfeld stattfinden lassen will.
Neben geldpolitischen Schritten sollen Projekte im Industrie-, Transport- und Bausektor sowie im Ausbau der Infrastruktur zudem die Wirtschaft stützen. Die staatliche Kommission für Entwicklung und Reform bewilligte in den ersten Monaten des Jahres erheblich mehr Projekte als im Vorjahreszeitraum. Offenbar sollen vor allem Investitionsvorhaben, die im Rahmen des Fünfjahresplans ursprünglich für 2013 vorgesehen waren, vorgezogen werden. Positiv anzumerken ist jedoch, dass sich die Projekte verstärkt auf Regionen in West- und Zentralchina konzentrieren sollen. Bislang ballt sich die Wirtschaftskraft des Landes an der Ostküste.
Erste Erfolge der geldpolitischen Lockerung sind bereits in der Zunahme der Neukreditvergabe zu erkennen. Auch die robuste Entwicklung bei den Pkw-Absatzzahlen ist ein Indiz für eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Dynamik. Zudem haben sich im Verlauf der letzten Monate die Exporte in Richtung Europa wieder stabilisiert, und die Exporte in die USA legen unter Schwankungen weiter zweistellig zu. Im Juni endete der Trend zu niedrigeren Wachstumsraten bei der Investitionstätigkeit. Auch dies ist ein Zeichen für eine anhaltende Expansion – und es zeigt sich, dass die Regierung angesichts des schwierigen Umfelds den Fokus derzeit klar auf die Stützung der Konjunktur setzt, anstatt die Neuausrichtung des Wachstumsmodells zu forcieren. Wir rechnen in den nächsten Monaten mit weiteren Maßnahmen, denn der Inflationsausblick lässt weitere Senkungen des Leitzinses zu. Auch die Mindestreserveanforderungen dürften im zweiten Halbjahr noch mehrfach gelockert werden.
Chinas Immobilienmarkt hat eine ausgeprägte Stärkephase hinter sich. In den vergangenen Jahren stiegen die Hauspreise teilweise erheblich, vor allem aufgrund der Nachfrage infolge des Urbanisierungsprozesses. Das milliardenschwere Konjunkturprogramm im Kampf gegen die weltweite Finanzkrise befeuerte den Immobilienboom zusätzlich. Unzählige Bauprojekte wurden durchgeführt, Spekulationen auf Wertsteigerungen trieben die Preise weiter in die Höhe, die Leerstandsquote nahm zu. Für die mittelständische Bevölkerung wurde Wohneigentum in Städten praktisch unerschwinglich.
Um der Überhitzung und potenziellen sozialen Unruhen entgegenzuwirken, hat die Regierung im Jahr 2010 verschiedene Maßnahmen eingeleitet. Unter anderem wurden die Eigenkapitalanforderungen zum Hauskauf auf bis zu 50 % erhöht, Subventionen gestrichen und strenge Restriktionen bezüglich des Erwerbs von Zweitwohnungen eingeführt. Auch die geldpolitischen Straffungsmaßnahmen 2010/11 zeigten Wirkung, indem sie die Kreditvergabe erschwerten. Seit einem Jahr werden zudem Sondersteuern für Luxusimmobilen in den Metropolen Shanghai und Chongqing erhoben. Gleichzeitig treibt die Regierung den Bau von bezahlbarem Wohnraum weiter voran – bis zum Jahr 2015 sollen 36 Millionen Sozialwohnungen entstehen.
Inzwischen hat eine Trendwende am Immobilienmarkt eingesetzt und die Preise sinken. Neben den dämpfenden Effekten der Regierungsmaßnahmen dürfte es sich vor allem auch um eine Korrektur der vorangegangenen Aufblähung handeln. Der Preisrückgang verläuft bislang kontrolliert und es mehren sich die Zeichen, dass die Talsohle bald erreicht ist. So sind die Preise für Neubauten im Juni zum ersten Mal seit zehn Monaten wieder leicht gestiegen, und auch die jüngsten Leitzinssenkungen dürften zur Stabilisierung beitragen. Bestätigt sich dies in den kommenden Monaten, wäre es gelungen, die Immobilienblase zu entschärfen, ohne eine wichtige Wirtschaftsstütze lahmzulegen. Damit Preisspekulationen weiterhin eingedämmt bleiben, dürften immobilienspezifische Restriktionen – wie zum Beispiel beim Erwerb von Zweit- und Drittwohnungen -allerdings nicht zu schnell gelockert werden.
Da China eine immer wichtigere Rolle im Welthandel innehat, besteht auch für die Währungspolitik Reformbedarf. Eine unterbewertete Landeswährung hat China in der Vergangenheit hohe Leistungsbilanzüberschüsse beschert und das Wirtschaftswachstum unterstützt. Internationale Handelspartner – allen voran die USA – kritisieren diese Export- und Wettbewerbsvorteile schon lange und fordern eine Aufwertung des Yuans. Die fixe Kopplung an den US-Dollar ist zwar seit 2005 gelöst, vor allem in Krisenzeiten werden aber noch immer Wechselkursinterventionen durchgeführt, um die Wirtschaft über die Exporterleichterungen zu stützen. So hielt die chinesische Zentralbank den USD-CNY-Wechselkurs während der weltweiten Finanzkrise stabil um 6,80. Ab Juni 2010 setzte sich dann die graduelle Aufwertung fort, und bis zum Jahresende 2011 legte der Yuan in diesem Zeitraum um fast 8 % zu. Seit Jahresbeginn hat USD-CNY wieder von 6,30 auf 6,37 abgewertet.
Allerdings hat China den Yuan zuletzt weiter flexibilisiert, indem er nunmehr statt um ±0,5 % in einer Spanne von ±1,0 % um einen Währungskorb schwanken darf. Den Referenzkurs setzt die PBC allerdings noch immer täglich gegenüber dem US-Dollar fest. Auch nach der jüngsten Maßnahme bleibt der Yuan damit nicht frei konvertierbar. Ihn stärker den Marktkräften auszusetzen ist für China aber ein weiterer Schritt hin zum selbst gesetzten Ziel, bis 2015 eine frei handelbare Währung zu besitzen und diese als Reservewährung zu etablieren. Der Weg dorthin ist jedoch noch weit. Für die Reform des Wachstumsmodells, das die Stimulierung der Binnennachfrage beinhaltet, ist eine starke Landeswährung unerlässlich. Die Aufwertungstendenz des Yuans dürfte sich daher mittelfristig fortsetzen, wenngleich weitaus weniger dynamisch als 2011. Am Jahresende halten wir einen Kurs von 6,25 USD-CNY für möglich.
Es bleibt festzuhalten, dass China bereits wichtige Schritte unternommen hat, eine wirtschaftliche Neuausrichtung zu vollziehen. Das aktuell schwierige wirtschaftliche Umfeld hat diesen Prozess allerdings verlangsamt und den Fokus der Regierung auf die Stützung der Konjunktur gelenkt. Wir gehen davon aus, dass im zweiten Halbjahr des laufenden Jahres weitere wachstumsfördernde Maßnahmen ergriffen werden. Die chinesische Konjunktur sollte sich daher stabilisieren und in den nächsten Monaten wieder an Dynamik gewinnen. Angesichts der Abschwächung in der ersten Jahreshälfte senken wir unsere BIP-Prognose für das Gesamtjahr 2012 auf 7,9 % (zuvor 8,4 %) und für 2013 auf 8,4 % (zuvor 8,8 %). Die Inflationsrate dürfte 2012 und 2013 ebenfalls niedriger ausfallen als ursprünglich von uns erwartet, denn die Teuerung hat in den letzten Monaten aufgrund der Konjunkturabkühlung und sich beruhigender Nahrungsmittelpreise unerwartet deutlich nachgegeben.
Um die ambitionierten Ziele des Fünfjahresplans zu erreichen und einen nachhaltigeren Wachstumspfad einzuschlagen, von dem eine breitere Bevölkerungsschicht profitiert, sind weitere strukturelle Reformen notwendig. Diesen Weg fortzuführen wird Aufgabe des neuen politischen Führungsstabs sein, der im Frühjahr des kommenden Jahres sein Amt aufnimmt.

Weitere Informationen unter:
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