Die Job-Chancen nutzen / Leitartikel von Joachim Fahrun

Für Arbeitssuchende waren die Zeiten in Berlin lange nicht so gut
wie zuletzt. Mehr als 50.000 sozialversicherungspflichtige Stellen haben
Unternehmen und Behörden Jahr für Jahr neu besetzt. Die Beschäftigung wuchs
sogar stärker als die Zahl der Einwohner. Angesichts der Boom-Zeiten haben viele
Menschen fast schon vergessen, dass wir in der Region noch Mitte der
2000er-Jahre Arbeitslosenquoten von mehr als 20 Prozent hatten. Früher war
mitnichten alles besser in Berlin.

Die neuen, unruhigen Zeiten bringen es jedoch mit sich, dass die Entwicklung
nicht automatisch weitergeht. Die Dynamik werde nicht zu halten sein, warnt der
Chef der regionalen Arbeitsagenturen. Es wird schwieriger werden, Wachstum zu
schaffen und die Menschen fit zu machen für die neuen Anforderungen, die
Digitalisierung und Strukturwandel für viele Branchen bedeuten.

Jetzt schlägt die Stunde der Politik. Denn der Trend verläuft nicht eindeutig.
Spektakulären Ansiedlungen wie die Tesla-Fabrik in Grünheide oder ambitionierten
Großvorhaben wie der Siemens-Campus in Siemensstadt stehen Werksschließungen wie
beim Zigarettenhersteller Philip Morris oder Probleme wie etwa bei Osram
gegenüber.

Die Aufgabe stellt sich nun, Arbeitskräfte aus den eher schwächelnden Branchen
in die weiter stark zulegenden Sektoren der Wirtschaft umzulenken. Vom
Zigarettenmacher zum E-Auto-Bauer sozusagen. Die Instrumente dafür müssen
Qualifizierung und Weiterbildung sein. An den Finanzen wird das nicht scheitern.
Den Arbeitsagenturen stand pro Klient noch nie so viel Geld zur Verfügung wie
jetzt. Jobcenter und Arbeitsagenturen haben lange viele Menschen in oft
sinnlosen Beschäftigungsmaßnahmen geparkt. Diese Zeiten müssen vorbei sein. Es
gibt genügend Tätigkeiten, die mittelfristig zu erledigen sind und für die
praktische Kenntnisse vermittelt werden müssen.

3000 bis 4000 Mitarbeiter sucht allein Tesla für die erste Ausbaustufe seiner
Brandenburger Fabrik. Tausende werden am und um den Flughafen BER tätig sein.
Der öffentliche Dienst muss in den nächsten Jahren Tausende neue Mitarbeiter
rekrutieren. Eine riesige Herausforderung für die Personalverantwortlichen. Die
Perspektiven bleiben also gut für jüngere, gut qualifizierte Menschen. Zumal die
geburtenstarken Jahrgänge bald das Rentenalter erreichen. Die Landespolitik muss
vor allem die erheblichen Probleme an den Berliner Schulen lösen, damit nicht
nur Zuzügler von den neuen Angeboten profitieren. Immer noch verlassen viel zu
viele junge Menschen vor allem aus bildungsfernen Familien die Schule ohne jeden
Abschluss. Ihnen helfen noch so viele neue Tesla-Jobs wenig.

Die Wirtschaftspolitik muss die Entwicklung der Unternehmen gewährleisten, die
in Wachstumsbranchen tätig sind. Gewerbe- und Büroflächen sind zu sichern oder
neu auszuweisen. Denn die Gewerbemieten haben ein für viele Firmen bedrohlich
hohes Niveau erreicht.

Nur wenn es auf der einen Seite Wachstum gibt, können die Menschen unterkommen,
die anderswo ihre Arbeitsplätze einbüßen. Diesen simplen Zusammenhang scheinen
einige in der rot-rot-grünen Koalition nicht wahrnehmen zu wollen. Die
Wirtschaft werde nicht mehr gehört, ihre Anliegen nicht wahrgenommen, klagten
jüngst die Präsidentinnen der Industrie- und Handels- sowie der Handwerkskammer.
Es ist dringend an der Zeit, dass Politik und Wirtschaft ihren zuletzt aus Ärger
über den Mietendeckel und andere umstrittene Vorhaben abgewürgten Dialog wieder
aufnehmen. Nur gemeinsam wird es gelingen, möglichst viele Berliner mitzunehmen
in die neue Arbeitswelt.

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