Die rechte Eskalation / Leitartikel von Christian Unger zu rechtsextremer Terrorgruppe

Kurzform: Jahrelang ignorierte die Politik den Ernst der Lage.
Heute kann man dem Staat, der Regierung und den Sicherheitsbehörden keine
Untätigkeit mehr vorwerfen. Im Gegenteil: Polizei und Geheimdienste rüsten im
Bereich “rechts” auf. Die Bundesregierung von Union und SPD macht mit dem
Netzwerkdurchsetzungsgesetz Druck auf Facebook und Co. – um dem Hass Herr zu
werden. Der Weg ist der richtige: Razzien und Festnahmen zermürben die Szene.
Gesetze gegen Hass schwächen die Hetzer. Am Ende ist der Staat nur so stark wie
seine Bürger. Im Kampf gegen Extremisten braucht er mutige Nachbarn.

Der vollständige Leitartikel: Werner, Michael, Thomas, Tony, Thorsten, Ulf,
Wolfgang, Markus, Frank, Marcel, Stefan, Steffen. Zwölf Vornamen. Sie klingen
wie Nachbarn. Vertraut. Deutsch. Es sind die Vornamen der zwölf Tatverdächtigen,
die am Freitag von der Polizei festgenommen wurden. Die Ermittler werfen ihnen
vor, eine rechtsterroristische Gruppe gegründet und unterstützt zu haben. Sie
wollten Moscheen angreifen, möglicherweise “Kommandos” bilden. Chaos stiften.
Die zwölf Vornamen klingen harmlos. Aber sie sind Symbol einer brutalen
Realität: Rechte Gewalt ist in Deutschland auf dem Vormarsch. Wieder einmal. Die
Tatverdächtigen sind nicht im Teenageralter, wie das oft bei islamistischen
Dschihadisten der Fall ist. Die mutmaßlichen Rechtsterroristen und Terrorhelfer
sind zwischen 31 und 60 Jahre alt. Sie kommunizierten verschlüsselt, agierten
konspirativ. Stimmen die Erkenntnisse der Ermittler, drohte Deutschland ein
kalkulierter, sorgfältig geplanter rassistischer Terrorismus. Wer in den rechten
Netzwerken recherchiert, merkt: Extremisten sammeln sich, auf Facebook, im
russischen Netzwerk vk.com, auf Messenger-Diensten wie Telegram, auf Plattformen
wie Twitch, Gab oder Steam. Es sind Namen, die viele zum ersten Mal lesen. Doch
wer die Szene beobachtet, erkennt schnell Hunderte, gar Tausende, die sich dort
anstacheln und gegen politische Gegner und Minderheiten hetzen. So wie es einen
globalen digitalen “Dschihad” gibt, existiert ein “Heiliger Krieg” von rechts.
Die gewaltbereite Szene wird organisiert von Kadern, die schon lange militant
sind, früher vielleicht in Kameradschaften mit Bomberjacke und Springerstiefeln
organisiert waren. Sie finden über das Internet schnell neue Szene-Mitglieder,
die sie ködern. Das Netz ist anonym. Es bietet Schutz – auch denjenigen, die
Hass säen wollen. Doch eines fällt auf: Deutschland und andere Staaten erleben
eine Beschleunigung rechtsextremer Gewalt. Der Mordanschlag auf CDU-Politiker
Walter Lübcke, der Anschlag auf die Synagoge und den Dönerimbiss in Halle. Der
Massenmord gegen Muslime in Moscheen in Neuseeland, die Anschläge von Anhängern
der “White Supremacy” in den USA mit Dutzenden Opfern – all das passiert
innerhalb weniger Monate. Teile der radikalen Rechten setzen nicht mehr auf
einen Umschwung des bestehenden politischen Systems, sie zählen nicht mehr auf
Wahlen extremistischer Parteien, um ihren Staat zu gründen. Manche wollen Chaos
– an dessen Ende aus Angst und Anstachelung tatsächlich bürgerkriegsähnliche
Zustände entstehen. Diese Gefahr, das zeigt der hohe Grad der Bewaffnung der
rechtsextremen Szene, ist ernst zu nehmen. Jahrelang ignorierte die Politik den
Ernst der Lage. Heute kann man dem Staat, der Regierung und den
Sicherheitsbehörden keine Untätigkeit mehr vorwerfen. Im Gegenteil: Polizei und
Geheimdienste rüsten im Bereich “rechts” auf. Die Bundesregierung von Union und
SPD macht mit dem Netzwerkdurchsetzungsgesetz Druck auf Facebook und Co. – um
dem Hass Herr zu werden. Doch die Maßnahmen wirken hilflos angesichts der Masse
der Chatforen und Gruppen. Löscht Facebook ein Profil, hat der Extremist kurze
Zeit später ein neues. Sperrt Twitter Nutzerkonten, weichen die Militanten auf
kleinere, unbeaufsichtigte Plattformen aus. Dennoch ist der Weg der richtige:
Razzien und Festnahmen zermürben die Szene. Gesetze gegen Hass schwächen die
Hetzer. Am Ende ist der Staat nur so stark wie seine Bürger. Im Kampf gegen
Extremisten braucht er mutige Nachbarn. Wachsame Werners, Michaels und Steffens.

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