Ein tragischer Verlust / Leitartikel von Christian Kerl zum Brexit

Kurzform: Hilfreich wäre es, wenn die Europäische Union der
Neigung widerstehen könnte, die Briten für die Scheidung zu bestrafen und zur
Abschreckung potenzieller Nachahmer so zu tun, als könne man London ein
Verhandlungsergebnis diktieren. Das wäre Gift für die offiziell angestrebte
freundschaftliche Beziehung, an der auch die EU ein großes Interesse haben
müsste. Nicht nur aus ökonomischen oder sicherheitspolitischen Gründen, sondern
schlicht, weil Großbritannien ja weiter zu Europa gehört. Die Chancen für einen
harmonischen Neustart stehen derzeit nicht gut. Aber wer weiß: Im Brexit-Drama
waren bisher schon Wendungen möglich, die niemand erwartet hatte. Dass EU und
Großbritannien zügig zu einer fruchtbaren Partnerschaft finden, wäre mal eine
positive Überraschung.

Der vollständige Leitartikel: Auch bei den größten Bewunderern des Vereinigten
Königreiches hat das Brexit-Drama nach fast vier Jahren seine Spuren
hinterlassen: Wenn Großbritannien in der Nacht zu Sonnabend den mehrmals
verschobenen Austritt aus der Europäischen Union endlich wahr macht, nehmen die
Kontinentaleuropäer das überwiegend mit einer Mischung aus Erleichterung und
einem letzten, müden Kopfschütteln zur Kenntnis. Aber es ist wie im richtigen
Leben: Sind die Briten erst einmal gegangen, ist die Hoffnung auf ihre rasche
Rückkehr verblasst, wird der Trennungsschmerz auch auf dem Kontinent bald
einsetzen. Der Abschied Großbritanniens bleibt für das vereinte Europa ein
schlimmer, tragischer Verlust – politisch, wirtschaftlich, kulturell. Er hat
ökonomisch dieselbe Wucht, als wenn die 19 kleinsten der 28 EU-Staaten
gleichzeitig den Klub verlassen würden. Für die geostrategischen Ambitionen der
EU ist diese Schrumpfung ein Rückschlag, der nicht dadurch ausgeglichen wird,
dass die Briten in der Union allzu oft die Bremserrolle gespielt haben. Das
Selbstbewusstsein der EU, die seit ihrer Gründung immer nur auf Erweiterung und
engeren Zusammenschluss angelegt war, ist nachhaltig erschüttert. Den größten
Schaden indes tragen die Briten selbst, die überwiegend noch gar nicht
verstanden haben, was der Brexit konkret bedeuten wird. Die
Austritts-Propagandisten haben die nostalgische Illusion genährt, mit dem Brexit
lasse sich an den alten Glanz des verlorenen Empires anknüpfen. Sie haben den
Bürgern vorgegaukelt, man werde weiter die Vorteile des EU-Binnenmarktes
genießen, dabei aber völlig unabhängig von der Union sein. Als “Singapur an der
Themse” mit niedrigen Steuern soll sich das Land Wettbewerbsvorsprünge sichern.
All diese Verheißungen werden jetzt schnell als Lügen, Luftschlösser und
Hirngespinste entlarvt werden. Großbritannien wird in der globalisierten Welt
allein nicht stärker, sondern schwächer sein. Und die Europäische Union kann
nicht einem Konkurrenten großzügig Zugang zum gemeinsamen Markt gewähren, wenn
der sich gleichzeitig mit Standarddumping und Regelverstößen unredlich Vorteile
verschaffen will. Bei den Verhandlungen mit der Europäischen Union über einen
neuen Handelsvertrag und andere Kooperationsabkommen droht deshalb ein heftiger
Streit, demgegenüber die bisherigen Konflikte ein Vorgeplänkel gewesen sein
könnten. Und auf der Insel steht ein böses Erwachen bevor, das den Riss durch
die Gesellschaft noch vertiefen und die Fliehkräfte im Königreich verstärken
wird. Viel wäre gewonnen, wenn Premier Johnson wenigstens die bis Dezember
befristete Übergangszeit verlängert – denn bis Jahresende sind solide Verträge
auch bei bester Absicht gar nicht auszuhandeln. Hilfreich wäre es aber auch,
wenn die Europäische Union der Neigung widerstehen könnte, die Briten für die
Scheidung zu bestrafen und zur Abschreckung potenzieller Nachahmer so zu tun,
als könne man London ein Verhandlungsergebnis diktieren. Das wäre Gift für die
offiziell angestrebte freundschaftliche Beziehung, an der auch die Europäische
Union ein großes Interesse haben müsste. Nicht nur aus ökonomischen oder
sicherheitspolitischen Gründen, sondern schlicht, weil Großbritannien ja weiter
zu Europa gehört. Die Chancen für einen harmonischen Neustart stehen derzeit
nicht gut. Aber wer weiß: Im Brexit-Drama waren bisher schon Wendungen möglich,
die niemand erwartet hatte. Dass EU und Großbritannien zügig zu einer
fruchtbaren Partnerschaft finden, wäre mal eine positive Überraschung.

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