Günter Verheugen: “Nie war guter Journalismus so wichtig wie heute” Politischer Auftakt für den Deutschen Medienkongress

Politischer Auftakt mit Medienlob und -schelte. Günter
Verheugen zeichnet in seiner Keynote auf dem Deutschen Medienkongress 2020 in
Frankfurt ein nicht sonderlich positives Bild der kommenden 20er Jahre. Der
Brexit, der schwierige Umgang mit den USA, Klimawandel und Migration seinen
Themen, die gemeinsam gelöst werden müssten – in einer Zeit, in der die EU
weiter an politischem Gewicht verliert.

Man kann Günter Verheugen ohne zu übertreiben als Europa-Nerd bezeichnen. 1998
wurde er zum Staatsminister für Europaangelegenheiten im Auswärtigen Amt
ernannt. Ein Jahr später wechselte er in die EU-Kommission, war dort bis 2004
für die für Erweiterung zuständig. In seiner zweiten Amtszeit zwischen 2004 und
2010 war er Vizepräsident und zuständiger Kommissar für Unternehmen und
Industrie. Heute ist der 75-Jährige als Honorarprofessor an der
Europauniversität Viadrina in Frankfurt/Oder und als Präsident des Senats der
Wirtschaft Europa tätig.

Der Glaube, dass es immer irgendeine Art von Einigung geben wird, ist dahin

Der Brexit ist dieser Vita entsprechend eines der Herzensthemen Verheugens.
Seine Worte sind deutlich: Keine “Naturgegebenheit” sei der Brexit gewesen, die
Kritik der Briten an der EU berechtigt, das Verhandlungschaos vermeidbar.
Mittlerweile sei klar: “Die Vorstellung, Ende dieses Jahres fertig zu sein mit
den Verhandlungen, mit einem Freihandelsabkommen für Großbritannien, war
sicherlich falsch. Eine solche Einigung wird es bis Ende 2020 nicht geben.”

Viele Konsequenzen des Brexit seien stattdessen überhaupt noch nicht absehbar,
klar ist aber laut Verheugen: “Die psychologischen und politischen Folgen werden
gravierend sein.” Das beginne schon damit, dass der Glaube daran, dass es immer
irgendeine Art von Einigung geben werde, dahin sei – ebenso wie die Annahme, auf
der Weltbühne eine bedeutende Rolle spielen zu können.

NGOs haben nicht automatisch recht

Im Gegenteil: Auf der Weltbühne habe man es mit Donald Trump und Boris Johnson
mit Brüdern im Geiste zu tun, die die EU nicht unterschätzen dürfe. Wenig
hilfreich sei dabei die Berichterstattung der deutschen Medien über das
Scheitern das Freihandelsabkommens mit der USA gewesen: “Das grenzt an ein
Totalversagen”, kritisiert Verheugen. “Ich habe nichts gegen Foodwatch und
Greenpeace oder wie sie alle heißen, aber, liebe Medien: NGOs haben nicht
automatisch recht.”

Trotz Medienschelte stellt Verheugen am Mittwoch aber auch deutlich heraus: “Nie
war der gute Journalismus so wichtig wie heute.” Vor allem in einer Zeit, in der
Ungleichheit wächst und zu neuen Konflikten führt, in der Migrationsströme
zunehmen und in der das westliche Demokratiemodell nicht mehr unangefochten als
das beste der Welt wahrgenommen wird. “Es gibt so viel Desinformation und
falsche Aussagen, dass selbst ich oft nicht weiß, wem und was ich noch glauben
soll.”

Der Deutsche Medienkongress ist seit mehr als 20 Jahren das Gipfeltreffen der
Kommunikationsbranche. Zu der Veranstaltung der Fachzeitung HORIZONT (dfv
Mediengruppe) treffen sich am 29. und 30. Januar 2020 wieder mehr als 700
Entscheider aus werbungtreibenden Unternehmen, Medienhäusern und Agenturen in
der Frankfurter Alten Oper.

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