Interview: Was tun, wenn der Arbeitgeber kündigt?

Interview: Was tun, wenn der Arbeitgeber kündigt?
Darf gekündigt werden?
 

Frage 1: Herr Rechtsanwalt Kirchhof, was sollten Arbeitnehmer als Erstes tun, wenn sie eine Kündigung erhalten?
Helmut Kirchhof:
Das Wichtigste ist, Ruhe zu bewahren und keine vorschnellen Entscheidungen zu treffen. Viele Arbeitnehmer akzeptieren eine Kündigung, ohne zu wissen, dass sie rechtlich angreifbar ist. Zunächst sollte geprüft werden, ob die Kündigung formell wirksam ist – also ob sie schriftlich vorliegt und die richtige Kündigungsfrist eingehalten wurde. Parallel empfehle ich, die Kündigung möglichst zeitnah von einem Anwalt für Arbeitsrecht prüfen zu lassen, da wichtige Fristen laufen.

Frage 2: Welche Fristen sind nach einer Kündigung besonders wichtig?
Helmut Kirchhof:
Die entscheidendste Frist ist die Drei-Wochen-Frist für die Kündigungsschutzklage. Innerhalb von drei Wochen nach Zugang der Kündigung muss Klage beim Arbeitsgericht erhoben werden. Wird diese Frist versäumt, gilt die Kündigung in der Regel als wirksam – selbst dann, wenn sie eigentlich rechtswidrig war. Zusätzlich sollten sich Arbeitnehmer unverzüglich bei der Agentur für Arbeit arbeitssuchend melden, um Sperrzeiten beim Arbeitslosengeld zu vermeiden.

Frage 3: Wann ist eine Kündigung durch den Arbeitgeber überhaupt wirksam?
Helmut Kirchhof:
Das hängt stark vom Einzelfall ab. Greift der Kündigungsschutz, benötigt der Arbeitgeber einen anerkannten Kündigungsgrund – also einen personenbedingten, verhaltensbedingten oder betriebsbedingten Grund. In der Praxis scheitern viele Kündigungen an formalen Fehlern, fehlenden Abmahnungen oder einer fehlerhaften Sozialauswahl. Gerade bei betriebsbedingten Kündigungen machen Arbeitgeber häufig Fehler, die vor Gericht gute Angriffspunkte bieten.

Frage 4: Haben Arbeitnehmer nach einer Kündigung Anspruch auf eine Abfindung?
Helmut Kirchhof:
Ein automatischer Anspruch auf eine Abfindung besteht nur in Ausnahmefällen. Dennoch werden Abfindungen in der Praxis sehr häufig gezahlt – vor allem im Rahmen einer Kündigungsschutzklage. Arbeitgeber möchten langwierige Prozesse vermeiden und sind daher oft bereit, eine Abfindung zu zahlen. Ob und in welcher Höhe eine Abfindung realistisch ist, hängt von den Erfolgsaussichten der Klage, der Dauer der Betriebszugehörigkeit und der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens ab.

Frage 5: Warum ist anwaltliche Unterstützung nach einer Kündigung so wichtig?
Helmut Kirchhof:
Arbeitsrecht ist stark formalisiert und für juristische Laien kaum überschaubar. Schon kleine Fehler – etwa das Versäumen einer Frist – können gravierende Folgen haben. Ein Anwalt kann die Erfolgsaussichten realistisch einschätzen, eine klare Strategie entwickeln und den Arbeitnehmer sowohl außergerichtlich als auch vor dem Arbeitsgericht vertreten. In vielen Fällen entscheidet eine frühzeitige anwaltliche Beratung darüber, ob der Arbeitsplatz erhalten bleibt oder zumindest eine angemessene Abfindung erzielt wird.

Fazit
Eine Kündigung durch den Arbeitgeber bedeutet nicht automatisch das Ende aller rechtlichen Möglichkeiten. Wer schnell reagiert, Fristen einhält und fachkundige Unterstützung in Anspruch nimmt, hat oft deutlich bessere Chancen. Das Interview mit Rechtsanwalt Helmut Kirchhof zeigt: Informiertes Handeln ist der wichtigste Schritt nach jeder Kündigung.