Kölner Stadt-Anzeiger: Mainzer Bischof Kohlgraf für verheiratete Priester in der katholischen Kirche – “Ausdruck legitimer Dezentralisierung”

Kluft zur Lebenswirklichkeit beklagt – “Einwände
Roms gegen Frauenpriestertum vielfach nicht überzeugend” – Plädoyer
für Reform der Sexualmoral

Köln. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf sieht eine Lockerung des
Pflichtzölibats in der katholischen Kirche als Ausdruck einer
legitimen Dezentralisierung. “An einer Frage wie der Priesterweihe
für verheiratete Männer wird sich jetzt entscheiden, wie konkret das
werden darf”, sagte Kohlgraf dem “Kölner Stadt-Anzeiger”
(Samstag-Ausgabe und Online). Auf der am Montag (6. Oktober) in Rom
beginnenden Amazonas-Synode soll unter anderem über die Möglichkeit
der Priesterweihe für verheiratete Männer gesprochen werden. Papst
Franziskus hat in dieser Frage Offenheit signalisiert. “Ich hielte
verheiratete Priester in bestimmten Regionen weder für einen Angriff
auf die Weltkirche noch auf das Priesteramt generell”, betonte
Kohlgraf.

Der Bischof beklagte ein Auseinanderbrechen der christlichen
Botschaft und der Lebenswirklichkeit der Menschen, und zwar auch der
Menschen in der Kirche. “In der Außenwirkung der Kirche insgesamt ist
es unbestreitbar, dass Menschen sie als nicht hilfreich erleben und
sich von ihr distanzieren.” Umso wichtiger sei es, “dass wir in der
Kirche diese Kluft zur Realität wahrnehmen und sie zu schließen
versuchen.” Darin sehe er die Aufgabe des zuletzt so viel
diskutierten “synodalen Wegs”, eines von den deutschen Bischöfen
angestoßenen Reformprozesses als Konsequenz aus dem
Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. “Ich werbe sehr dafür,
den Weg nicht von vornherein schlecht zu reden, sondern ihn als
Chance zu begreifen, dass die Themen auf den Tisch kommen, die jetzt
dran sind. Sie zu ignorieren oder zu tabuisieren, wird uns nicht
weiterführen”, sagte Kohlgraf mit Blick auf eine vom Kölner Kardinal
Rainer Woelki angeführten Minderheit unter den Bischöfen.

Entschieden setzte sich Kohlgraf, der seit 2017 Nachfolger von
Kardinal Karl Lehmann auf dem Bischofsstuhl von Mainz ist, für
Änderungen der katholischen Sexualmoral und der Haltung zur Rolle der
Frauen ein. “Der Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass es –
abgesehen von den Essentials im Glaubensbekenntnis – nichts gibt, was
in der Kirche nicht dem Wandel der Zeit unterworfen gewesen wäre.” In
der Sexualethik, so der frühere Professor für Pastoraltheologie,
“rate ich zu größerer Gelassenheit und weniger Starre. Ein Weg für
eine Fortentwicklung wäre, sich von der Fixierung auf den
Geschlechtsakt zu lösen und stattdessen das Ganze einer Beziehung zu
sehen.”

Auch wenn am Ende des synodalen Wegs sicher nicht die
Frauenordination stehen werde, halte er es für entscheidend, “dass
wir uns auf die Erfahrungen und Denkweise derer einlassen, die in
dieser Frage nach Bewegung und Veränderung rufen”. Er habe den
Aktivistinnen von “Maria 2.0”, die eine Öffnung der Weiheämter für
Frauen fordern, versprochen, ihr Unverständnis nach Rom weitergeben.
“Wir schauen gemeinsam in dieselbe Richtung. Ich bekomme ja auch mit,
dass der Unmut über den Ausschluss der Frauen von den Ämtern
insgesamt so dominant ist, dass es schier unmöglich wird, zu anderen
Fragen noch durchzudringen. Ganz ehrlich: Ich empfinde das als
Lähmung für die Evangelisierung.” Zudem, so Kohlgraf weiter, müsse er
“schlicht konstatieren, dass die Einwände Roms gegen die
Frauenordination vielfach nicht überzeugen. Und es reicht heutzutage
einfach nicht mehr, zu sagen, –Rom hat entschieden, und deshalb reden
wir nicht mehr darüber–.”

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