Kölner Stadt-Anzeiger: Missbrauchsexperte erhebt schwere Vorwürfe gegen Erzbistum Köln

Heiner Keupp: “Vertuschung der dritten Art” –
Münchner Psychologieprofessor rügt “unverantwortliches Vorgehen” im
Fall des Düsseldorfer Stadtdechanten Ulrich Hennes

Im Fall des beurlaubten Düsseldorfer Stadtdechanten Ulrich Hennes
erhebt der Münchner Sozialpsychologe und Missbrauchs-Experte Heiner
Keupp schwere Vorwürfe gegen das Erzbistum Köln. Den Geistlichen, der
in den 1990er Jahren einen fast erwachsenen Jugendlichen sexuell
belästigt haben soll, nach einer Therapie erneut als Jugendseelsorger
einzusetzen, sei auch schon aus damaliger Sicht “hochproblematisch”
gewesen, sagte Keupp dem “Kölner Stadt-Anzeiger”
(Donnerstag-Ausgabe). Verantwortlich war der 2017 verstorbene frühere
Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner. “Selbst wenn der
Priester im Lauf der Therapie etwas über sich gelernt und besser
verstanden haben sollte, warum er in bestimmten Situationen auf
bestimmte Menschen sexuell abfährt, war es völlig unverantwortlich,
ihn danach wieder in dem Arbeitsfeld einzusetzen, in dem er
übergriffig geworden war, hier konkret in der Jugendseelsorge.” Heute
so zu tun, “als wären sexuelle Übergriffe von Priestern vor 20 Jahren
für die Kirchenleitungen noch gleichsam Vorgänge wie von einem
anderen Stern gewesen – das ist schon mehr als merkwürdig”, so Keupp,
der auch Mitglied der “Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung
sexuellen Kindesmissbrauchs” ist.

Hennes war in der Ära Meisner unter anderem Leiter der
Jugendbildungsstätte Haus Altenberg und Sekretär des Weltjugendtags
2005. Eine erst viele Jahre später erfolgte Einschaltung der
Staatsanwaltschaft zu dem Vorgang aus den 90er Jahren blieb ohne
Ergebnis. Das Erzbistum macht geltend, heute würde der Fall anders
gehandhabt werden.

Dagegen sprach Keupp von einer “Vertuschung der dritten Art”. Er
glaube, das Erschrecken der Kirchenverantwortlichen über das eigene
Versagen sei so groß, dass sie sagten: “Heute würden wir es anders
machen, und deshalb schauen wir gar nicht mehr weiter zurück, sondern
richten unseren Blick nach vorn.” Deshalb sei jetzt so viel von
Prävention die Rede, “während die komplizierte und schmerzhafte
Rekonstruktion der Zusammenhänge ausfällt, warum es in der
Vergangenheit so fürchterlich schief gelaufen ist. Dabei müsste man
genau dieser Frage nachgehen, um die Mechanismen von Verharmlosung,
Vertuschung und Abschottung in der männerbündischen kirchlichen
Subkultur verstehen und wirksam verändern zu können.”

Als Psychologe sei er überzeugt vom positiven Einfluss einer guten
Therapie, betonte Keupp, “aber zu Wunderheilungen hat es unsere
Zunft noch nicht gebracht. Von daher wäre es das Minimum an
Verantwortung gewesen, den Betreffenden nach Abschluss der Therapie
über wenigstens fünf Jahre hinweg professionell zu begleiten.” Ihn
stattdessen “einfach wieder aufs bisherige Gleis zu setzen und laufen
zu lassen”, könne er sich “bestenfalls als naives Vertrauen auf
Wunderwirkungen der Psychotherapie erklären”. Nicht zuletzt seien die
christlichen Ideale von Nächstenliebe und Brüderlichkeit “sträflich
vernachlässigt” worden, “vom Schutz potenzieller künftiger Opfer erst
gar nicht zu reden”.

Link zum Wortlaut-Interview:

www.ksta.de/32286266

Pressekontakt:
Kölner Stadt-Anzeiger
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Telefon: 0221 224 2080

Original-Content von: Kölner Stadt-Anzeiger, übermittelt durch news aktuell

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