Leitartikel zur Bundeswehr: Kummerkasten der Armee von Reinhard Zweigler

Statt des derzeitigen bürokratischen und langwierigen
Beschaffungswesens empfiehlt der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels der
Bundeswehr das IKEA-Prinzip: aussuchen, bezahlen und mitnehmen. Nun ja, davon
abgesehen, ob das schwedische Allround-Möbelhaus wirklich Soldatenstiefel,
Nachtsichtgeräte oder Schutzwesten im Angebot führt, ist der flotte Hinweis von
Bartels im Kern richtig. Die in Jahrzehnten ausgeuferte Beschaffungsmaschinerie
der Armee gehört endlich überholt – und zwar gründlich. Und da es heute am
fehlenden Geld nicht liegen kann, ist eine innere Reform dringend vonnöten. Da
hat der versierte Beauftragte des Bundestages – beziehungsweise der amtliche
Kummerkasten der Armee – völlig Recht. Freilich haben bereits mehrere Vorgänger
und die Vorgängerin von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer
Besserung angekündigt. Nur geschehen ist leider herzlich wenig. Die Truppe ist
auch nach dem Ende des jahrelangen Schrumpfkurses von den gleichen Sorgen
geplagt: zu wenig Material, zu wenig Personal, zu viel Bürokratie. AKK muss nun
endlich Nägel mit Köpfen machen. Schafft sie das, hätte sie nicht nur Gutes für
die Soldatinnen und Soldaten sowie die Zivilbeschäftigten getan, sondern – so
ganz nebenbei – auch Kanzlerinnen-Qualitäten bewiesen. Die Messlatte liegt
jedenfalls hoch. Die Fallhöhe übrigens auch. Ein wichtiger Schritt dabei wäre
etwa der, den seit einem Jahr vorliegenden Abschlussbericht des Projekts “Innere
Führung – heute”, der viele Vorschlägen von Soldatinnen und Soldaten selbst
enthält, öffentlich zu machen. Weitere Geheimniskrämerei öffnet dagegen nur
Spekulationen Tür und Tor. Die Bundeswehr ist, aus leidvoller geschichtlicher
Erfahrung, eine Parlamentsarmee, keine der Regierung. Insofern ist der Bundestag
auch das richtige Forum, um über die Verbesserung von Strukturen zu diskutieren.
Das sollte nicht irgendwelchen, und obendrein teuren, Beratungsunternehmen
überlassen werden. Überdies würde zu einer solchen Transparenz-Offensive auch
ein jährlicher Geschäftsbericht der Bundeswehr gehören. Früher gab es das
bereits in Form von Weißbüchern. Es liegt offenbar auch an dem unguten
Erscheinungsbild der Bundeswehr und den vielen Klagen über sie, dass sich nach
dem Ende der Wehrpflicht unter dem fast vergessenen einstigen CSU-Star
Karl-Theodor zu Guttenberg Freiwillige nicht gerade zur Armee drängen. Die
Zahlen stagnieren auf niedrigem Stand. Da haben teure Kampagnen, witzige
Werbeclips in sozialen Medien und große Plakate offenbar wenig bewirkt.
Wichtiger und überzeugender für junge Leute scheinen dagegen persönliche
Beispiele, gelebte Vorbilder aus der Bundeswehr und umfassende Aufklärung über
den verantwortungsvollen militärischen Beruf zu sein. Die Konkurrenz der zivilen
Wirtschaft ist jedenfalls groß. Dass die Bundeswehr zuletzt mit rechtsextremen
Vorfällen konfrontiert wurde, hat einerseits mit der erhöhten Sensibilität für
dieses Phänomen zu tun. Es wird mehr gemeldet und der Militärgeheimdienst MAD
schaut offenbar noch genauer hin. Andererseits sind Waffen und der Umgang mit
ihnen immer auch ein Anziehungspunkt für rechtsextreme oder islamistische
Wirrköpfe. Doch die haben in unserer demokratischen Armee überhaupt nichts zu
suchen. Die Bundeswehr und die einzelnen Soldaten müssen weiterhin offen mit dem
Thema umgehen. Falsch verstandene Kameradschaft ist in solchen gravierenden
Fällen fehl am Platze.

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