Meinung Netz Diskurs: Meinungsbildungsprozesse im Internet / Interdisziplinäre Fachtagung von JFF und BLM zu Aufwachsen in mediatisierten Lebenswelten (FOTO)


 

Werden Meinungen im Netz nur proklamiert oder auch fundiert
gebildet? Und welche Bedeutung kommt dabei netztypischen Diskursformen zu? Diese
Fragen standen im Fokus der 15. Interdisziplinären Tagung mit mehr als 130
Teilnehmenden am vergangenen Freitag in der Bayerischen Landeszentrale für neue
Medien (BLM). Die Tagung wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Familie,
Arbeit und Soziales (StMAS) gefördert.

“Politische Meinungsbildung erfolgt heute gerade bei den Jüngeren zum großen
Teil im und über das Netz. Diese Verlagerung der Meinungsmacht hat auch die Art
und Weise der politischen Kommunikation verändert – das sollte bei der
Vermittlung politischer Bildung berücksichtigt werden. Dabei gilt die Maxime:
Meinungsfreiheit und Menschenwürde sind nicht verhandelbare Werte und müssen
geschützt werden!”, sagte Siegfried Schneider, der Präsident der BLM, in seiner
Begrüßung. Bayerns Staatssekretärin für Familie, Arbeit und Soziales, Carolina
Trautner betonte: “Der Einfluss von Social Media auf die politische
Meinungsbildung von jungen Menschen ist heutzutage enorm. Unsere wichtigste
Aufgabe ist es daher, Heranwachsenden Medienkompetenz zu vermitteln und sie bei
ihren Meinungsbildungsprozessen zu begleiten. Wir möchten jungen Menschen
Handwerkszeug mit auf den Weg geben, damit sie kritisch und reflektiert mit den
unterschiedlichen Quellen von Informationen aus dem Netz umzugehen lernen.”

Die Bedeutung der Chancen wie auch der Herausforderungen des Internets für die
politische Meinungsbildung thematisierte Prof. Dr. Frank Fischer, der
Vorsitzende des JFF – Institut für Medienpädagogik. Chancen böten
Online-Diskurse, weil sie Individuen und Gruppen außerhalb der Massenmedien eine
enorme Reichweite verschaffen könnten. Gesellschaftlich problematisch sei es
jedoch, wenn Menschen im Internet nur noch Informationen suchten, die die eigene
Meinung stützten und sich so vom öffentlichen Diskurs abkoppelten. Zudem stelle
sich die Frage, welche Normen für den Diskurs und die Inhalte auf
Online-Plattformen maßgeblich seien und welche Inhalte sanktioniert werden
sollten.

Die Breite des Tagungsthemas zwischen individuellen Meinungsbildungsprozessen
und der Teilhabe an der öffentlichen Meinungsbildung verdeutlichten Beispiele
aus der medienpädagogischen Forschung von Dr. Niels Brüggen, Dr. Georg Materna
und Eric Müller vom JFF. Bei Informationen zum Thema Flucht spielten
beispielsweise gerade auch klassische Medien und deren Wechselwirkung mit
Inhalten in sozialen Medien eine große Rolle. Bei politischen Diskursen würden
Jugendlichen Kontroversen aus der Angst vor Shitstorms meiden und sich eher in
semiprivaten Räumen, wie Gruppenchats, austauschen.

Über Prinzipien und Herausforderungen aktueller politischer Bildung sprach Dr.
Christian Zimmermann von der Philosophischen Fakultät – Politikwissenschaft der
Universität Siegen. Er skizzierte Möglichkeiten und Grenzen politischer Bildung
und plädierte für eine kritische Auseinandersetzung mit der heutigen Auslegung
und Praxis von Demokratie.

Bilder und Memes als Bestandteile der Diskurskultur im Netz und ihre Bedeutung
für die politische Meinungsbildung waren das Thema von Prof. Dr. Thomas Knieper
und Michael Johann vom Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation der
Universität Passau. Politische Internet-Memes dienten dem Selbstausdruck, der
Darstellung von Verbundenheit und wesentlich auch der Unterhaltung. Potenziale
für die Meinungsbildung bestünden, da sie Informationen vermitteln, aber auch
zur Mobilisierung genutzt werden können.

Mit seinem Vortrag zum Thema “Meinungsfreiheit, Menschenwürde,
Community-Standards – wer schützt was in Netzdiskursen?” griff Rechtsanwalt
Chan-jo Jun auf, dass Memes teils nicht den Anspruch hätten, Wirklichkeit
abzubilden. Vielmehr enthielten Internet-Memes auch üble Nachrede und andere
Verletzungen der Menschenwürde.

Anschließend diskutierten Uta Löhrer von der Bayerischen Landeszentrale für
politische Bildungsarbeit, Dr. Christian Zimmermann, Chan-jo Jun und Michael
Johann über das Thema “Das Netz als Gegenstand oder Ort für die politische
Meinungsbildung?” oder: “Wie kann das Netz ein konstruktiver Ort der
demokratischen Meinungsbildung werden?”. Bessere Rechtsdurchsetzung auf der
einen sowie mehr politische Bildung und Förderung von Medienkompetenz auf der
anderen Seite seien in Zukunft unverzichtbar, so ein wesentliches Fazit der
Runde.

Den inhaltlichen Schwerpunkt gab abschließend Canan Korucu, Co-Geschäftsführerin
von ufuq.de und Leiterin im Bund-Länder-Projekt bildmachen, mit einem Einblick
in aktuelle Praxisentwicklungen und sprach über Erfahrungen mit Memes in der
politischen Bildungsarbeit. Memes ließen sich sehr schnell und einfach erstellen
und böten eine hohe Anschlussfähigkeit an jugendkulturelle visuelle
Gewohnheiten. Im Prozess der Meme-Erstellung in den Workshops würden Diskurse
und Reflexionsprozesse angestoßen, so Korucu, gerade auch wenn Memes kontrovers
und mehrdeutig seien.

Die Tagung endete mit einer Würdigung von 70 Jahren JFF. Kathrin Demmler,
Direktorin des JFF, gab hierzu einen Rückblick mit den zentralen Meilensteinen
des Vereins. In seiner Funktion als stellvertretender Vorsitzender des JFF e. V.
schnitt Klaus Lutz die Jubiläumstorte an.

Links zu den vorgestellten Projekten:

– MeKriF – Flucht als Krise. Mediale Krisendarstellung,
Medienumgang und Bewältigung durch Heranwachsende am Beispiel
Flucht – https://mekrif.jff.de
– Bildmachen – https://bildmachen.net
– Politisches Bildhandeln –
https://www.jff.de/kompetenzbereiche/projektdetail/bildhandeln0/

Pressekontakt:
Stefanie Reger
Pressesprecherin
Tel.: (089) 638 08-315
stefanie.reger@blm.de

Original-Content von: BLM Bayerische Landeszentrale für neue Medien, übermittelt durch news aktuell

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