Mittelbayerische Zeitung: Boris Johnson auf Siegeskurs / Im Ausland werden der exzentrische Premier und sein Brexit-Kurs als No-Go wahrgenommen. Doch die Briten wenden sich nicht von ihm ab – im Gegenteil. Von Jochen Wittmann

Zwei Wochen vor der Wahl scheint der britische Wahlkampf
schon gelaufen zu sein. Die Konservative Partei ist auf Siegeskurs. Sie dürfte
laut jüngster Umfrage am 12. Dezember 42 Sitze hinzugewinnen und damit eine
satte absolute Mehrheit von 68 Stimmen einfahren, während die größte
Oppositionspartei Labour 51 Sitze verlieren soll – die zweitschlimmste
Niederlage in Nachkriegszeiten. Kein Wunder also, dass jetzt bei Labour helle
Aufregung herrscht. Eine ganze Reihe von Wählerbefragungen hat in den
vergangenen Wochen eine Führung der Torys um zwischen zehn und 17 Prozent
gesehen. Doch die jüngste Erhebung, eine sogenannte MRP-Umfrage des Instituts
YouGov, ist einzigartig. Sie stützt sich auf mehr als 100 000 Befragte,
gewichtet die Ergebnisse nach Alter, Geschlecht, Bildung, bisherigem
Wahlverhalten und anderen Parametern und ordnet sie schließlich anhand der
lokalen politischen Besonderheiten ein, so dass ein Bild der politischen
Landkarte Großbritanniens entsteht. Für jeden der 632 Wahlkreise (die
nordirischen bleiben ausgenommen) wird damit eine Vorhersage möglich, welche
Partei unter dem britischen Mehrheitswahlrecht in einem Wahlbezirk die stärkste
Kraft wird und ihn somit gewinnt. Während der letzten Wahl 2017 wurde diese
Methode erstmals angewandt. Während alle anderen Umfragen damals einen klaren
Sieg der Konservativen vorhersagten, prognostizierte die MRP-Erhebung von YouGov
als einzige korrekt den Wahlausgang eines sogenannten “hung parliament”, wo
keine einzige Partei eine absolute Mehrheit hat. Die Labour-Politiker sind außer
sich. Man hatte ein radikales Wahlprogramm veröffentlicht, das die
Austeritätspolitik der Konservativen beenden, die Staatsausgaben um jährlich
rund 83 Milliarden Pfund erhöhen und gleichzeitig ein milliardenschweres
Programm für Investitionen in die Infrastruktur auflegen will. Doch die Wähler
scheinen nicht beeindruckt. Stattdessen hat in den letzten Tagen der Streit über
den Antisemitismus bei Labour der Partei geschadet. Besonders der umstrittene
Jeremy Corbyn ist ein Mühlstein um den Hals der Arbeiterpartei. Gerade in den
einstigen Labour-Hochburgen in Nordengland wird Corbyn abgelehnt. Das hat den
Konservativen geholfen in denn sogenannten “roten Wall” einzubrechen, eine Reihe
von Wahlkreisen in den Midlands und Nordengland, wo bisher Labour dominierte.
Dabei war das Tory-Wahlprogramm bescheiden. Man hat sich mit großen
Versprechungen zurückgehalten. Die Hauptbotschaft war: “den Brexit schaffen”.
Doch damit scheint man in diesen Bezirken, die beim Referendum 2016 mehrheitlich
für den EU-Austritt gestimmt haben, gut anzukommen. Ein Erfolg in den ehemaligen
Labour-Hochburgen würde demonstrieren, dass das Wahlverhalten im Königreich, das
einst traditionell auf Klassenzugehörigkeit gründete, jetzt von Identität
geleitet wird: Wer sich als sogenannter Leaver, als Brexit-Anhänger sieht, wählt
die Konservativen. Die Brexit-Partei von Nigel Farage dagegen wird als
irrelevante Kleinpartei ignoriert. Während Parteichef Boris Johnson das
Leave-Lager hinter sich vereinigen konnte, ist das Lager der sogenannten
Remainer, die für den Verbleib in der EU streiten, zersplittert. Die Grünen, die
schottische SNP, die walisische Plaid Cymru, die Liberaldemokraten und
schließlich Labour werben alle um Stimmen aus diesem Topf. Sollte sich die
MRP-Umfrage so korrekt erweisen wie die von 2017, dann kommt auf Großbritannien
etwas zu, was es seit fast zehn Jahren nicht mehr kennt: eine stabile
Mehrheitsregierung. Mit einer Majorität von 68 Stimmen im Unterhaus könnte Boris
Johnson, im Gegensatz zu seinen Vorgängern David Cameron und Theresa May,
schalten und walten wie er will. Dann würde der Wahlausgang am 12. Dezember eine
richtungsweisende Wende einläuten, mit der Großbritannien sich entschieden von
Europa abwendet.

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