Mittelbayerische Zeitung: Die Bahn fährt am Abgrund Verspätungen, Zugausfälle, Personalmangel: Trotz Milliarden für den Staatskonzern bessert sich die Situation nur langsam. Von Reinhard Zweigler

Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung, könnte man
in Abänderung eines alten Sprichwortes über die derzeitige Lage der Deutschen
Bahn sagen. Das Bild des Staatskonzerns in der Öffentlichkeit und im
persönlichen Erleben von Millionen Bahnkunden ist vor allem negativ geprägt. Es
gibt immer wieder Ärger über Zugausfälle, schlechten Service, fehlendes Personal
und zig Verspätungen. Nicht einmal die selbst gesteckten Pünktlichkeitsziele
hält die DB ein. Und mit einem Taschenspielertrick wird die entsprechende
Statistik sogar noch geschönt, denn ausgefallene Züge zählen nicht als
unpünktlich. Die krude Logik der Bahn: Züge, die gar nicht losgefahren sind,
können auch nicht verspätet ankommen. Darauf muss man erst mal kommen. Doch die
Probleme, die auch heute wieder auf dem Tisch der Vorstandssitzung der DB AG
liegen, gehen weit über die täglichen Ärgernisse der Bahnkunden hinaus. Die Bahn
wird auch mittelfristig noch mit den falschen politischen Weichenstellungen aus
den 90er Jahren zu tun haben. Seinerzeit standen die Zeichen auf Privatisierung
– auf Teufel komme raus. Schlimme Beispiele wie von der brutal privatisierten
britischen Bahn wurden ignoriert. Und aus dem behäbigen deutschen Staatskonzern
mit Hunderttausenden uniformierten Beamten sollte rasch ein börsennotiertes
Unternehmen gemacht werden. Die Politik, genauer die jeweiligen Verkehrsminister
– gleich welcher Partei – wollten das so und ließen den Bahnchefs ziemlich freie
Hand. Unsäglich etwa der Crashkurs, den Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn dem
Schienenunternehmen aufzwang, um es für Kapitalanleger aufzuhübschen. Erst sehr
spät, viel zu spät wurde im Taumel der Finanzkrise 2008/09 von der
Bundesregierung die Reißleine gezogen und der unsinnige Privatisierungskurs
abgeblasen. An den Nachwirkungen einer jahrelang verfehlten Bahnpolitik leidet
der Schienengigant jedoch bis heute. Er ist ein Problemriese. Und ein
grundlegender Kurswechsel in der Bahnpolitik geht leider nicht so rasch
vonstatten wie der Fahrplanwechsel jedes Jahr im Dezember. Freilich haben sich
die Voraussetzungen für eine grundlegende Besserung der Situation auf den
Schienen in den vergangenen Jahren gewaltig verbessert. Es liegt nicht mehr an
fehlenden Mitteln aus dem Verkehrsetat für die gigantische Sanierung,
Modernisierung, Digitalisierung der Infrastruktur, von Gleisen, Stellwerken,
Brücken, Loks und Wagen. Jetzt begrenzen vielmehr fehlende Planungs- und
Baukapazitäten oder Probleme bei Herstellern das Vorankommen zu einer
pünktlicheren, effizienteren Bahn. Mit der neuen Leistungs- und
Finanzierungsvereinbarung über einen Zeitraum von zehn Jahren, statt bislang
fünf, wurde zumindest der Rahmen für verlässliches Planen und Realisieren
geschaffen. Freilich ist es allein damit nicht getan. Die umweltfreundliche Bahn
hat in den kommenden Jahren sehr viel zu tun, um verlorenes Vertrauen wieder
zurückzugewinnen und eigene Versprechen auch wirklich zu erfüllen. Die
angekündigte zügige – und anwohnerfreundliche – Elektrifizierung der Strecke
Hof-Regensburg gehört dazu. Die Reaktivierung vorschnell stillgelegter Strecken
zählt ebenfalls zu den dringenden Aufgaben. Und die Bahnvorstände, die vor
einigen Wochen noch mit Meldungen über horrende Erhöhungen ihrer Bezüge und die
Vergabe satter Beraterverträge an ehemalige Vorstände Negativ-Schlagzeilen
machten, sollten ebenso nach ihrer Leistung bezahlt werden wie Lokführer und
andere Bahnmitarbeiter auch.

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