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Mittelbayerische Zeitung: Und der Sieger ist: ein Oligarch. Der Comedian Wladimir Selenski gewinnt die erste Runde der Präsidentenwahl in der Ukraine. Von Ulrich Krökel

Die erste Runde der Präsidentenwahl in der
Ukraine war noch nicht beendet, da nahm die zweite bereits ihren
Lauf. Lange bevor am Sonntag die Prognosen über die Ticker liefen,
berichteten Medien in Kiew bereits über Gespräche zwischen dem
absehbaren Sieger Wladimir Selenski und der später tatsächlich
unterlegenen Julia Timoschenko. Allen Beobachtern war sofort klar:
Sollte Timoschenko den Comedian Selenski in der Stichwahl am 21.
April gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko unterstützen, wäre dies die
halbe Miete zum Sieg. Der Seiteneinsteiger Selenski, der ohne
politisches Programm angetreten war, kam nach den offiziellen
Ergebnissen vom Montag auf etwa 30 Prozent der Stimmen, gefolgt von
Poroschenko mit gut 16 und Timoschenko mit 13 Prozent. Fast wäre
Timoschenko, die seit bald 20 Jahren um die Macht in Kiew kämpft und
deshalb im Gefängnis saß, sogar noch hinter dem russlandfreundlichen
Jurij Bojko zurückgefallen, der 11,5 Prozent erreichte. Selenski
fasste das Ergebnis in einem Satz zusammen, von dem niemand so recht
sagen konnte, wie viel Ironie darin mitschwang: „In der Ukraine wird
ein neues Leben beginnen, ohne Korruption und Schmiergelder, das
Leben in einem Land unserer Träume.“ Meinte er das ernst? Es waren ja
gerade Versprechen dieser Art, die der Kabarettist selbst immer
wieder aufs Korn genommen hatte. Aber das Uneindeutige war und ist
vermutlich der größte Trumpf des Anti-Politikers Selenski. Auf diese
Weise konnte er zur Projektionsfläche für all jene Hoffnungen werden,
die Poroschenko enttäuscht hat. Die Ukraine-Expertin der Stiftung
Wissenschaft und Politik in Berlin erklärt das Phänomen Selenski so:
„Die Bevölkerung hat auf ein neues Gesicht in der Politik gewartet.“
Das Vertrauen in die Institutionen und die handelnden Personen sei
extrem niedrig. Vor allem Poroschenko, der im Krisenjahr 2014 als
Heilsbringer gehandelt worden war, schlugen im Wahlkampf Frustration
und manchmal auch Aggression entgegen. Entsprechend reumütig gab er
sich am Wahlabend: „Das ist eine herbe Lektion für mich und ein
wichtiger Grund, an Fehlern zu arbeiten.“ Nur: In den drei Wochen bis
zur Stichwahl gegen Selenski wird Poroschenko kaum noch mit
politischem Handeln überzeugen können. Der milliardenschwere
Süßwarenunternehmer kann bestenfalls darauf hoffen, dass ihm die
Menschen trotz allem eine zweite Chance geben. Tatsächlich liegt auf
der Hand, dass sich viele Ukrainer am 21. April, wenn es an den
Wahlurnen zum Schwur kommt, noch einmal fragen werden, ob sie das
Schicksal des Landes in die Hand eines „Politclowns“ geben wollen.
Spätestens in einer Fernsehdebatte mit Poroschenko wird er Farbe
bekennen müssen. Andererseits: Gelingt es dem 41-Jährigen, die
Unterstützung ausgeschiedener Bewerber zu gewinnen, dürften seine
Chancen gut stehen. Und genau an diesem Punkt kommen jene Meldungen
über Selenskis Gespräche mit Timoschenko ins Spiel, die bereits am
Sonntag Verbreitung fanden. In der Ukraine gilt es als offenes
Geheimnis, dass Selenski und Timoschenko gute Verbindungen zu dem
Oligarchen Ihor Kolomojskyj pflegen, der zugleich ein Intimfeind von
Poroschenko ist. Kolomojskyj ist Eigentümer jenes TV-Senders, in dem
Selenski seine größten Erfolge gefeiert hat. Mit Timoschenko
verbindet ihn die gemeinsame Basis in der Industriemetropole
Dnipropetrowsk. Man kennt sich, und man achtet sich. Außerdem könnte
Timoschenko unter einem Präsidenten Selenski eine wichtige politische
Rolle spielen, etwa als Regierungschefin, während im Hintergrund
Kolomojskyj seinen Einfluss geltend machen könnte. So oder so wäre
dann wieder einmal ein Oligarch der wahre Gewinner einer Wahl:
Kolomojskyj oder Poroschenko.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

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