Mittelbayerische Zeitung: Verbitterung und Vergeltungswille. 30 Jahre nach dem Mauerfall ist im Osten Europas der Jubelüber den Triumph der Freiheit verklungen. Von Ulrich Krökel

Von dem bulgarischen Politikwissenschaftler Ivan Krastev
stammt der Satz: “Michail Gorbatschow war naiv, Wladimir Putin ist es nicht.”
Der Kriegsherr im Kreml ist demnach ein besserer Stratege und Politiker, als es
der Friedensnobelpreisträger und Erfinder der Perestroika je war. Zugleich
jedoch ist der ausgewiesene Putin-Kenner Krastev davon überzeugt, dass Russland
zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Art Weltmacht der Wut geworden ist, ein
“zornerfüllter, revisionistischer Staat, der alles daran setzt, Europa zu
zerstören”. In dieser Deutung ist Putin so etwas wie ein genialer Exekutor von
Empörung und Rachsucht, die sich 30 Jahre nach dem Mauerfall im Osten Europas
ausgebreitet haben. Tatsächlich herrscht in der russischen Gesellschaft längst
Einigkeit darüber, dass Gorbatschows Perestroika ein Fehler mit verheerenden
Folgen war. Der Zerfall des Imperiums und die Jelzin-Anarchie der 90er Jahre
haben traumatische Spuren hinterlassen. Krastev schließt aus der aufgestauten
Wut auf einen Vergeltungswillen, der in der Annexion der ukrainischen Krim 2014
seinen bislang stärksten Ausdruck gefunden habe. Mit Blick auf Russland spricht
viel für diese “psychologische” Argumentation. Weit verblüffender jedoch ist,
dass sich ähnliche Phänomene auch in jenen Staaten Ostmitteleuropas zeigen, die
1989 auf der Seite der Sieger zu stehen glaubten. 30 Jahre nach dem Mauerfall
ist in Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei nicht nur der Jubel über den
Triumph der Freiheit verklungen. Vielmehr wächst auch dort die Verbitterung. Zum
Beispiel in Tschechien, wo der populistische Premier Andrej Babis die Folgen von
1989 gern mit einer Reihe von Schlagworten beschreibt: Privatisierung,
Entkernung der Betriebe, Mafiakämpfe, Oligarchie und Korruption. Was Babis nicht
dazusagt, ist, dass er selbst zu den größten Wendegewinnern in der ehemaligen
CSSR zählt. Mit seiner Agrar-Chemie-Holding stieg er in den 90er Jahren zum
Multimilliardär auf und später zum Ministerpräsidenten, obwohl er in diverse
Korruptionsskandale verwickelt war. Eine Mehrheit der Tschechen lässt das jedoch
kalt. Die Babis-Partei ANO liegt in allen Umfragen klar vor der Konkurrenz. Mehr
noch: Die Erzählung von den verheerenden Folgen der Samtenen Revolution stößt in
weiten Teilen der Bevölkerung auf offene Ohren, und das in einem
Wirtschaftswunderland mit der geringsten Arbeitslosigkeit in der EU. Und
Tschechien ist kein Einzelfall. Auch der ungarische Ministerpräsident Viktor
Orban und Jaroslaw Kaczynski, der starke Mann der polnischen Politik, folgen bei
ihren Auftritten gern der populistischen Erzählung von den ausbeuterischen
Eliten und dem einfachen Volk, das um seinen Sieg des Jahres 1989 betrogen
worden sei. Es wirkt hochgradig paradox: Je besser es den Menschen in Polen,
Ungarn und Tschechien zumindest wirtschaftlich geht, desto größer werden Wut und
Enttäuschung über die “blinde Westwendung” nach 1989. Auf der Suche nach
Erklärungen ist Krastev unter anderem auf das Thema Migration gestoßen, das in
seinen Augen eine zentrale Rolle bei diesem Paradigmenwechsel spielt. Zum einen
habe die Abwanderung vieler junger und gut ausgebildeter Menschen in den Westen
Ängste vor Entvölkerung geschürt. Zum anderen habe dann die Migrationskrise von
2015 eine an Panik grenzende Überfremdungsfurcht ausgelöst. Ob das Erklärung für
das 89er-Paradoxon reicht? Fest steht, dass Orban damals vor “einer der größten
Menschenfluten der Geschichte” warnte. Kurz darauf ließ er an der ungarischen
Grenze ein Abwehrbollwerk aus Stacheldrahtzäunen errichten – ganz ähnlich jenem
Eisernen Vorhang, den die Revolutionäre von 1989 öffneten.

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