Neue Ideen sind gefragt – Die Zeitarbeit muss neue Konzepte entwickeln

Die Branche der Zeitarbeit hat auch in den letzten Jahren die traditionelle Rolle als Frühindikator der wirtschaftlichen Entwicklung übernommen. Der Rückgang des Wirtschaftswachstums in 2019 und die Auswirkungen der Reform des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes hatten sich in den absoluten Zahlen der Beschäftigten in der Branche niedergeschlagen. Dazu kamen Entwicklungen in verschiedenen Branchen, die sich mittelbar auch auf den Einsatz von Zeitarbeitnehmern auswirkten. So hatte im Zuge der Umstellung der Automobilproduktion auf den Elektroantrieb der Bedarf an Arbeitskräften nachgelassen, was sich auch in der Zulieferindustrie fortsetzte. Nach den neuesten Beschlüssen der Großen Koalition im soeben verkündeten Konjunkturpaket keine Abwrackprämien aufzunehmen, dafür jedoch den Elektro-Bonus zu erhöhen dürfte sich diese Entwicklung fortsetzen. Im Verhältnis zum Vorjahr hatte die Branche der Zeitarbeit einen Rückgang von 10% zu vermelden. Doch der Lockdown hat fast die gesamte Wirtschaft gleichermaßen in Mitleidenschaft gezogen.

Deutliche Auswirkungen des Lockdowns

Die Wirtschaft in Deutschland ist auf breiter Front betroffen. Die entsprechenden Zahlen füllen täglich die Medien. In Zeiten des Fachkräftemangels wollen die Unternehmen ihre Stamm-Mitarbeiter halten, das lässt sich an den verhältnismäßig geringen Steigerung der Arbeitslosenzahlen ablesen. Doch hat die Zeitarbeit mit Ad-Hoc-Stornierungen zu kämpfen. In einer Befragung von 200 Unternehmen in der Zeitarbeit* gaben nur noch 44% der Befragten die auf 18 Monate beschränkte Höchstüberlassungsdauer als Grund für die negativen wirtschaftlichen Erwartungen an. 94% sahen dagegen die Auswirkungen von COVID-19 als tiefgreifender. Man befürchtet entsprechende Umsatzeinbrüche.

Der Branchenverband iGZ meldet, dass ebenso wie alle Branchen auch viele Personaldienstleister, also Zeitarbeitsunternehmen, Kurzarbeit angemeldet haben. Jedoch steht die Branche im Vergleich nicht so schlecht da. In den Monaten März und April belegte die Zeitarbeit unter allen Branchen den sechsten Platz. Der größte Teil der Arbeitnehmer in der Zeitarbeit arbeitet nach wie vor in laufenden Einsätzen bei entleihenden Unternehmen. Viele dieser Arbeitnehmer erleben jedoch derzeit, dass auch das entleihende Unternehmen Kurzarbeit anmeldet. In solchen Fällen gelten die gleichen Bedingungen wie für die Stamm-Mitarbeiter. Auch die Mitarbeiter aus der Zeitarbeit erhalten das Kurzarbeitergeld von der Agentur für Arbeit. Im Moment gilt diese Regelung bis zum 31.12. des Jahres.

Die allgemeinen wirtschaftlichen Aussichten

Wie sieht es allgemein in der wirtschaftlichen Entwicklung aus, und wie werden die Unternehmen der Zeitarbeit davon betroffen sein? Alle Prognosen beruhen derzeit auf der optimistischen Annahme, dass es zu keinem zweiten Lockdown kommen wird. Solch eine Wiederholung hätte allerdings schwerwiegende Folgen, darin sind sich alle Wirtschafts-Auguren einig. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet weltweit mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von vier Prozent. In einem hochentwickelten Land wie Deutschland soll Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um ca. neun Prozent zurückgehen. Das Niveau wie vor der Krise soll erst im dritten Quartal 2021 wieder erreichbar sein. Immerhin sind die Zahlen in der Kurzarbeit aller Branchen weniger drastisch ausgefallen als befürchtet. Für über 10 Millionen Arbeitnehmer war die Kurzarbeit angekündigt worden, in Anspruch genommen wurde dieses Instrument dann aber nur von 71,6% mithin also für 7,3 Millionen Personen.

Auch die Frühwarn Indices fangen sich, wenn auch auf niedrigem Niveau. Das Arbeitsmarktbarometer des IAB hat in der Beschäftigungskomponente um 0,4% auf 94,9 zugelegt. Das ist der gleiche Steigerungssatz wie bei der Vorhersage für die Arbeitslosigkeit mit jetzt 92,7 Punkten. Das stellt eine deutliche Verlangsamung dar, verheißt aber im Moment keine Bereitschaft zu Neueinstellungen. Das soll sich erst im letzten Quartal des Jahres ändern. Für 2021 wird dann eine Aufholphase vorhergesagt. Doch selbst wenn das BIP 2021 wie vermutet um acht Prozent wächst, bedeutet das für die Zeitarbeit nicht sofort eine ähnliche Erholung. Grund sind die ausbleibenden Investitionen. Das große Plus der Zeitarbeit ist die Fähigkeit zur kurzfristigen Verfügbarmachung von Arbeitskräften, die in neuen Projekten und bei Investitionsschüben benötigt werden. In einer Phase der ?Aufräumarbeit? nach der Krise kann dieses klassische Modell des Einsatzes von Zeitarbeitnehmern nur bedingt greifen. Die von allen Seiten akzeptierte Systemrelevanz der Arbeit der Personaldienstleister stößt hier an Grenzen, die vom System selbst vorgegeben sind. Die Personaldienstleister werden sich etwas einfallen lassen.

Wie geht die Branche mit der Corona-Krise um?

Wie kann, wird und sollte die Branche der Zeitarbeit auf die Krise reagieren? Natürlich nutzen die Unternehmen natürlich alle Möglichkeiten, die der Bund zur Verfügung stellt. Wie erwähnt kommt wie in allen anderen Branchen auch das Mittel der Kurzarbeit zum Einsatz, mit dem drastische Umsatzrückgänge gemildert werden können. In manchen Fällen kommen die Personaldienstleister auch um Entlassungen nicht herum, wenn sich für bestimmte Branche keine Besserungen feststellen lassen. Etwa 40 – 50% der Unternehmen nehmen die Möglichkeit wahr, die Beiträge zur Sozialversicherung und zur Berufsgenossenschaft zu stunden oder planen derzeit diesen Schritt. Dazu kommen die Möglichkeit der Anrechnung von Verlusten auf die Steuerzahlungen und die Angebote der Länder zur Wirtschaftsförderung von Mittelständlern und Großunternehmen. Die 25 größten Unternehmen in der Zeitarbeit sind zum guten Teil auf bestimmte Branchen konzentriert und leben hier von der Masse. Sie sind naturgemäß mehr betroffen als breit aufgestellte Mittelständler wie z.B. die hkw personalkonzepte, die in ganz unterschiedlichen Sparten tätig ist.

Die Aktionen der Branchenriesen

Die drei größten Personaldienstleister haben ein Aktionsbündnis gegründet, das alle Unternehmen aller Branchen unterstützen soll, nach der Krise wieder zu einer neuen Art Normalität zurückzufinden. Dazu wird z.B. der Austausch aller Erfahrungen aus der zeitweisen ?physischen Distanzierungswirtschaft? vorgeschlagen, vor allem aber eine Bündelung und übergreifende Einigkeit für neue Sicherheitsstandards. Die großen Unternehmen arbeiten also weiter an einer Einbettung der Zeitarbeit in die Normalität der Beschäftigungsformen und damit der gesellschaftlichen Akzeptanz. Die Personaldienstleister aus dem Mittelstand werden sich andere Strategien einfallen lassen, um ihre Unternehmen sicher durch diese starken Fluktuationen zu bewegen. Damit stehen sie im gesamten mittelständischen Spektrum Deutschlands wahrlich nicht allein da. Doch ihre Ansätze müssen andere sein.

Digitalisierung und Verschlankung ist seit Jahren ein Begriff

Viele Personaldienstleister müssen einen langen Atem beweisen. Sinnvolle Veränderungen müssen auf einer strukturellen Ebene stattfinden. Die unternehmensinterne Konsolidierung durch Prozessverschlankung und Digitalisierung ist ein bereits seit Jahren beschworenes Instrument, dessen jetzt forcierter Einsatz wieder empfohlen wird. So wird die Meinung vertreten, dass gerade jetzt in der Krise ja Zeit dafür sei. Trotzdem muss sich jedes Unternehmen genau überlegen, wohin es sich ausrichten will. Ein Rückzug auf die Verschlankung und Kosteneinsparung durch Automatisierung allein eröffnet noch keine aussichtsreichen Horizonte, könnte jedoch den Blick von den anstehenden strukturellen Veränderungen ablenken.

Mögliche Wege zu neuen Strukturen

Die Unternehmen in der Branche der Zeitarbeit sind ebenso verschieden ausgerichtet und strukturiert wie ihr Klientel. Es gibt eine ganze Reihe von Ideen und Vorschlägen, die jedoch in ihrer Gangbarkeit völlig von der Situation und Spezialisierung des einzelnen Unternehmens abhängig sind. Wer bundesweit Mitarbeiter in die Gastronomie, den Messebereich oder das Transportwesen vermittelt hat, wird in den letzten Monaten schmerzhafte Einbußen erlitten haben. Mit einer diversifizierten Verteilung der Mitarbeiter auf alle Branchen einer bestimmten Region hat sich die Lage dagegen weniger heftig ausgewirkt. Manche Personaldienstleister haben sogar profitiert. Unternehmen, die sich auf die Vermittlung von Studenten konzentriert haben, konnten in den letzten Monaten bis zur fünffachen Menge an Personal vermitteln, da Logistikhelfer, Kassenkräfte und Warenverräumer plötzlich dringend benötigt wurden. Die Studenten wandten sich an die Zeitarbeit, weil ihre relativ fixen Jobs in der Gastronomie, auf Messen oder großen Veranstaltungen zu Tausenden weggebrochen waren. Damit sind wir bei der Kernkompetenz der Zeitarbeit angelangt, die es zu verstärken gilt.

Flexibilität

Die Kernidee der Zeitarbeit besteht darin, der Wirtschaft die nötige Flexibilität zu ermöglichen, die ein extrem volatiler Markt erfordert. Diese Flexibilität heißt es als Kernkompetenz auch auf die eigenen Unternehmen und Arbeitskräfte anzuwenden. 

– Das umfasst z.B. die Vermittlung von Metafähigkeiten wie den Umgang mit moderner Technik. ?Digital Natives? werden fast überall benötigt und meistern neue Anforderungen und Arbeitsumwelten schneller.
– Ebenso wichtig sind Projektspezialisten oder ganze Gruppen, die alle Regeln erfolgreicher Projektarbeit beherrschen und relativ schnell auf neue konkrete Inhalte anwenden können. Die Diversifizierung könnte darin einen ganz neuen Ausdruck finden.
– Flexibilität lässt sich auch in veränderbaren Kostenstrukturen bzw. Aufwandsentschädigungen üben, die sich sowohl im Verhältnis zum entleihenden Unternehmen wie auch zu den eigenen Mitarbeitern ausdrücken können. Überhaupt mag bei manchen das eigene Geschäftsmodell auf den Prüfstand gehören. Lässt sich ein variables Geschäftsmodell vorstellen, das z.B. Transformationen beinhaltet wie sie im Prinzip das Auto Abo von Volvo ausmachen?
– Zur Flexibilität gehört dann auch die Erweiterung oder Umstellung der Service-Angebote und Dienstleistungen auf ganz neue Ebenen. Der externe Personaler und Recruiter oder die Onsite-Personalarbeit ist bei manchen Personaldienstleistern zwar schon Regel, lässt sich aber in vielen Fällen noch auf die generelle Befähigung von Personal erweitern und aggressiver vermarkten.

Verstärkung der ureigensten Qualität

So sehr sich einige der befragten Personaldienstleister für die Spezialisierung auf bestimmte Formen der Zeitarbeit oder bestimmte Zeitarbeitnehmer aussprechen, so riskant ist dieses Vorgehen auch. Generell lässt sich eine Entwicklung hin zum ?White Collar? Zeitarbeitnehmer mit höherer Qualifikation beobachten. Immer noch liegt ein wichtiger Schwerpunkt vieler Personaldienstleister auf den Helfertätigkeiten. Hier finden speziell ausländische Mitbürger gute Möglichkeiten überhaupt einen Anschluss an den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen. Allerdings sind es gerade die Helfer, deren Arbeitsplätze in Zeiten der wirtschaftlichen Umwälzungen riskiert sind. Das zeigt, dass die Erweiterung der Fähigkeiten der Arbeitnehmer und die weitere Bedarfsorientierung der Zeitarbeit ein wichtiges Potential darstellt, das noch allerhand Möglichkeiten bietet. Das betrifft vor allem die Bereiche der Logistik, Landwirtschaft und Pflege.

Weit voraus denkt der Geschäftsführer eines Personaldienstleisters, der sich auf die Vermittlung von Studenten spezialisiert hat. Er hofft ganzen Belegschaften von Betrieben mit Kurzarbeit temporäre Arbeitsverhältnisse anbieten zu können. Für so ein Zukunftsszenario müssen sich allerdings die gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen noch um einiges entwickeln.

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