Neue Westfälische (Bielefeld): Der Weltklimarat sieht die Ernährung in Gefahr Bio für alle wird nicht funktionieren Torben Gocke

Der Weltklimarat warnt: Bereits jetzt hat die
globale Erwärmung Einfluss auf die Sicherheit der weltweiten
Lebensmittelversorgung. Vorhersagen werden schwieriger, Landwirte
können schlechter planen, es wird wärmer und heftige Wetterereignisse
machen Bauern immer häufiger einen Strich durch die Rechnung. Die
Experten raten zu einer raschen Kehrtwende bei der globalen Nutzung
der Landfläche. Eine reflexhafte Verteufelung der nicht biologischen
Landwirtschaft ist in diesem Zusammenhang allerdings zu kurz gedacht
– und auch nicht im Sinne des Weltklimarates. Laut Berichten sieht
dieser den zentralen Ansatzpunkt für den Ausgleich zwischen
Klimaschutz und Nahrungsmittelversorgung beim Verbraucher. Und genau
darum muss es künftig in dieser Frage gehen: um einen gelungen
Ausgleich. Ohne Zweifel sind die Fragen, die sich aus den
klimatischen Veränderungen ergeben, wesentliche Herausforderungen für
die Menschheit. Sie allerdings über alles zu erheben und dabei andere
große Probleme hintanzustellen, das wäre fatal. Wir haben nur einen
Planeten und wir haben alle Hunger. Wenn jetzt Landwirte in OWL zu
bedenken geben, dass Bio fast doppelt so viel Fläche braucht wie
konventionelle Landwirtschaft, dann wird hier bei uns in der Tat die
Dimension eines globalen Dilemmas deutlich. Überspitzt gesagt: Wollen
wir Essen für alle oder wollen wir Bio für uns? In einem Land, in dem
es an 365 Tagen im Jahr Ananas in der Tankstelle zu kaufen gibt, darf
man sich solche Fragen sicherlich stellen. Anders sieht es allerdings
beim Blick hinaus in die Welt aus. Wenn in südlicheren Regionen
künftig Wälder abgeholzt werden, um Platz für verloren gegangene
Ackerflächen zu schaffen, dann mag das aus deutscher Perspektive
kurzsichtig sein. Der mahnende Zeigefinger ist allerdings vollkommen
fehl am Platz, wenn wir im gleichen Atemzug die billigen Lebensmittel
aus eben genau diesem Teil der Welt kaufen, weil auf den hiesigen
Flächen nicht genug Platz für unseren eigenen Bedarf ist. Vielleicht
ist es an der einen oder anderen Stelle ja doch legitim, den
Landwirten einen größeren Ertrag zuzugestehen, damit sie der
Nachfrage gerecht werden können, die es ganz offensichtlich in den
Supermarktregalen gibt. Bio für alle wird nicht funktionieren. Schon
gar nicht von heute auf morgen. Um globale Probleme in den Griff zu
bekommen, können radikale Hau-Ruck-Aktionen nie der richtige Weg
sein. Auch dann nicht, wenn es in Deutschland mal wieder fünf vor
zwölf ist.

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
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