Neue Westfälische (Bielefeld): Drei Monate Pause für Aufsichtsratschef Clemens Tönnies Schalkes Ehrenrat hat versagt Thomas Seim

Die Zeile der Krisen-Nacht lautet: Clemens
Tönnies lässt sein Aufsichtsratsmandat bei Schalke 04 ruhen. Sie
lautet nicht: Der Ehrenrat setzt das Aufsichtsratsmandat von Clemens
Tönnies drei Monate aus. Das macht den Unterschied zwischen einem
machttaktischen Umgang mit einer vollkommen missratenen, tendenziell
auch rassistisch zu verstehenden Äußerung und einem ehrlich
reumütigen Bedauern über einen schlimmen Fehler. Clemens Tönnies
selbst, vor allem aber der sogenannte Ehrenrat des FC Schalke 04,
haben ihren Charaktertest nicht bestanden. Es mag sein, dass eine
lange Debatte über den Auftritt des Konzernchefs in Paderborn in der
Schlussbewertung eine gewisse Milde hätte rechtfertigen können. Dafür
allerdings hätte diese Debatte offen geführt werden und in einen
Beschluss des Gremiums münden müssen. Ein Diskriminierungsverbot
untersagt, Menschen wegen bestimmter Merkmale ungleich zu behandeln,
wenn das zu einer Benachteiligung oder Herabwürdigung einzelner ohne
sachliche Rechtfertigung führt. Nichts anderes hat Clemens Tönnies
mit seiner Äußerung in Paderborn getan. Mag sein, dass der Vorwurf
des Rassismus noch schärfer auf eine Gesinnung oder Ideologie zielt.
Aber in der Sache geht es auch dort um eine Beurteilung und
Benachteiligung von Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale.
Auf die Unterscheidung zwischen Diskriminierung und Rassismus einen
Verzicht auf eine aktive Bestrafung des Aufsichtsratschefs zu
stützen, ist darum ein Zeichen von Versagen des Ehren-Gremiums. Dass
Clemens Tönnies seinen Verzicht selbst erklären darf, versehen mit
der Betonung, dass er das Amt nach drei Monaten wieder aufnehme,
lässt darauf schließen, dass es gewichtige, womöglich materielle
Gründe dafür gab. Materielle Gründe – sie sind sicher wichtig für
einen ehrgeizigen Traditionsverein wie Schalke 04, der wie kaum ein
zweiter für die Ehren-Werte des “Schmelztiegels” Ruhrgebiet steht.
Dessen Anspruch als Vorbild für Integration entsprechen sie aber
nicht. Es gibt, sagt der Soziologe Theodor W. Adorno, dessen 50.
Todestag wir gerade begingen, kein richtiges Leben im falschen. Der
Freispruch von eigenen Gnaden, den Tönnies verkünden durfte, macht
einen Ehrenrat überflüssig. Der soll Schaden von Verein und Fans
abwenden. In dieser Woche hat er ihm Schaden zugefügt.

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