Neue Westfälische (Bielefeld): Krankenhausschließungen Zu kurz gedacht Martin Krause

Der Eindruck, den “normale” Kassenpatienten –
also fast 90 Prozent der Deutschen – von der Gesundheitsversorgung im
Lande haben, ist zunehmend verheerend. In vielen Arztpraxen werden
die Wartezeiten lang und länger, und trotz des neuen “Gesetzes für
schnellere Termine” kann es vor allem bei Fachärzten viele Wochen
dauern, bis man drankommt. Jetzt wird offenbar auch darüber
nachgedacht, die Krankenhauslandschaft kräftig auszudünnen – die
Studie der Bertelsmann-Stiftung bereitet den Weg dafür. Vom drohenden
Kahlschlag sprechen Patientenschützer. Dabei sind viele Kliniken
bereits geschlossen worden. Oder aus ländlichen Krankenhäusern wurden
Fachkliniken, etwa für Geriatrie (Altersheilkunde). Für Angehörige
werden die Wege ans Krankenbett oft allzu lang, und weil es an
Pflegepersonal mangelt, fühlt sich mancher Patient alleingelassen.
Ist die Krankheit nicht lebensbedrohlich, wird eine Operation auch
gern einmal verschoben, weil die OP-Kapazitäten fehlen.
Mangelverwaltung überall, vor allem gesetzlich Versicherte fühlen
sich benachteiligt. Doch es wäre ungerecht, nur zu jammern: Viele
Kranke erleben den medizinischen Fortschritt als beeindruckend. Wem
eine minimalchirurgische Tumoroperation geholfen hat, wer nach einem
Oberschenkelhalsbruch ein künstliches Hüftgelenk erhielt oder wen
eine Stroke Unit vor dem Schlaganfall bewahrte, der weiß die
ärztliche Kunst zu schätzen. Weil dieser Fortschritt erstens
Spezialwissen erfordert und zweitens hohe Kosten verursacht, suchen
Politiker, Mediziner und Krankenkassen nach Wegen der
Rationalisierung. Klar ist, dass erfahrene Fachleute bessere Arbeit
leisten können, und ebenso einleuchtend ist, dass eine gewisse
Konzentration der Behandlung (also: “Massenabfertigung”) dabei hilft,
die Kosten je Einzelfall zu senken. Die pauschale Forderung nach
Klinik-Schließungen ist aber zu kurz gedacht. Zu prüfen ist zunächst,
ob die vorhandenen Häuser sich sinnvoll die Arbeit teilen können. Und
selbstverständlich sind Vorgaben zu ändern, wenn sie Kliniken dazu
verführen könnten, sich mit unnötigen Operationen die Kassen zu
füllen. Das von Experten für die Konzentration auf weniger
Krankenhäuser vorgebrachte Argument, dass es an erfahrenem
Fachpersonal mangele, wirkt zum Teil nur vorgeschoben: So wäre es ein
Leichtes, mehr Ärzte auszubilden. Dafür müssten
Ausbildungskapazitäten erweitert und Zulassungsbeschränkungen gesenkt
werden. Am Ende geht es also ums Geld: Wie viel sind Gesundheit und
Fortschritt uns wert?

Pressekontakt:
Neue Westfälische
News Desk
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