neues deutschland: Kommentar zum Angriff der Türkei auf syrische Kurden: Die Stunde der Zyniker

Recep Tayyip Erdogan hat seinen Ruf als gnadenloser
Zyniker wieder einmal bestätigt. Die Rechte und Interessen des
syrischen Volkes hätten höchste Priorität für die Türkei, erklärte
deren Präsident kurz vor dem Überfall. Er teilte dies nach eigenen
Angaben dem russischen Präsidenten mit, wenige Stunden vor
Kriegsbeginn. Kommt ganz darauf an, wen er zum syrischen Volk zählt.
Offenbar nicht die Kurden Nordsyriens, denn gegen die und ihre
YPG-Miliz richtet sich der von Bombardierungen eingeläutete Angriff.
Erdogan will die ihm verhassten Kurden verdrängen, sein
Einflussgebiet erweitern – auch gegen die syrische Armee – und
Flüchtlinge aus Syrien in der besetzten Region ansiedeln. Offenbar
gibt es weltpolitisch niemanden, der ihn aufhält, weil Syrien ohnehin
allen nur als Spielball gilt. Donald Trump hat mit dem
US-Truppenabzug aus der Region genau die kurdischen Milizen zum
Freiwild erklärt, die bisher erfolgreich gegen die islamistischen
IS-Terroristen vorgegangen sind. Russland, das einerseits Syriens
Präsident Assad unterstützt und andererseits eine Machtachse mit der
Türkei bildet, wollte oder konnte Erdogan nicht von dem Waffengang
abhalten. Und die EU fordert nun Zurückhaltung, ist aber
klammheimlich froh, dass Erdogan seine Flüchtlingsprobleme Richtung
Syrien entsorgt und nicht Richtung Europa. Zynismus, wohin man
schaut. In diesem neuen Krieg, kaum dass er begann, haben sich die
Großmächte schon jetzt die Hände schmutzig gemacht.

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