Nicht nur dicke Fische, Kommentar zum Brexit von Andreas Hippin

Es gilt als normal, dass man sich zu Beginn von Verhandlungen
seine Maximalforderungen um die Ohren haut. Von daher müsste man sich also keine
Sorgen darüber machen, wenn London und Brüssel vor den Gesprächen über die
künftigen Handelsbeziehungen völlig unvereinbare Positionen beziehen. Wundern
darf man sich aber schon darüber, dass man im Berlaymont-Gebäude offenbar der
Meinung ist, Großbritannien binnen weniger Monate in die Knie zwingen zu können.
Denn anders lässt sich die von dort ohne jede Not betriebene Verknüpfung eines
Handelsabkommens mit dem Zugang der EU-Fischereiflotten zu britischen Gewässern
über das Ende der Übergangsphase hinaus nicht erklären.

Der britische Premierminister Boris Johnson hat nicht vor, die Fischer zu
verprellen, die mit großer Mehrheit für den Brexit votierten. Für die
Volkswirtschaft spielt das Thema keine große Rolle, aber politisch kommt es
einem Brandsatz gleich. Johnson sitzt zwar fester im Sattel als die allermeisten
seiner europäischen Amtskollegen. Er kann aber nur verlieren, wenn er sich den
Brüsseler Vorgaben beugt. Zumal das von der EU vorgeschlagene Handelsabkommen
Großbritannien keine großen Vorteile bietet.

Es geht darin vor allem um den Warenverkehr, in dem die Partnerländer,
insbesondere Deutschland, einen erheblichen Überschuss erwirtschaften. Zudem
verlangt es eine weitgehende Angleichung an die regulatorischen Vorstellungen
der EU. Johnson befände sich ruckzuck in einer Lose-lose-Situation, würde er
nachgeben. Seine Wähler würden es ihm – trotz seines jungenhaften Charmes –
nicht verzeihen.

Schon in den vergangenen Tagen wurde reichlich gegen die Briten ausgeteilt.
Ausgerechnet der irische Premierminister Leo Varadkar ließ sie wissen, das
Vereinigte Königreich sei nunmehr „ein kleines Land“. Der ehemalige
EU-Ratspräsident Donald Tusk heizte die Stimmung zudem mit der Wortmeldung auf,
in Brüssel würde jeder enthusiastisch auf einen Wiederaufnahmeantrag eines
unabhängigen Schottland reagieren. Aber Großbritannien ist nicht Jugoslawien. Es
ist auch nicht Griechenland. Selbst ein Michel Barnier wird sich daran gewöhnen
müssen, mit den Briten auf Augenhöhe zu verhandeln. Oder es gibt Ende des Jahres
eben kein Abkommen zwischen Großbritannien und der EU, vielleicht aber eines mit
den USA. Die Briten könnten sich dann über billigere Lebensmittel freuen. Für
Brüssel wäre es das denkbar schlechteste Ergebnis.

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