Offener Brief: Operation gelungen – Patient tot

Operation gelungen – Patient tot

So ließe sich die derzeitige Situation aus Sicht vieler Unternehmerinnen und Unternehmer sehr treffend beschreiben! Die Befürchtung ist groß, dass sie ihre Betriebe nicht mehr so lange am Leben erhalten können, bis das Corona-Virus unter Kontrolle ist und sie wieder wirtschaftlich agieren können.

Der erneute Lockdown in Teilbereichen unserer Wirtschaft ist eine Operation am offenen Herzen vieler Betriebe. Eine Operation die sicherlich Ihre Notwendigkeit hat, aber beim kleinsten Fehler oder falschen (Ein-)Schnitt zu weiteren wirtschaftlichen Katastrophen führen wird. Wie angespannt die derzeitige Lage ist, zeigt auch eine aktuelle Umfrage des BDS Bayern, an der 1.197 Unternehmer teilgenommen haben. Die Beeinträchtigungen durch die Coronakrise bewerten über 80 Prozent der Betriebe schon jetzt – vor einer Verlängerung des zweiten Lockdowns – als schwierig oder existenzbedrohend.

Für den BDS Bayern sind besonders alarmierend auch die Rückmeldungen aus den Betrieben, die nicht von den derzeitigen Betriebsuntersagungen betroffen sind: im Vergleich zum November 2019 gehen die Umsätze dort branchenübergreifend um satte 42,68 Prozent zurück! 30,3 Prozent dieser Unternehmer beschreiben ihre Lage als schwer, 17,9 Prozent als existenzbedrohend; zusammen sind das 48,2 Prozent! Oder anders ausgedrückt: fast jeder zweite Betrieb, der nicht der derzeitigen Betriebsschließung unterliegt, ist trotzdem vom Lockdown-light ganz massiv bis existenzgefährdend betroffen. Das Schlimmste ist, dass bei diesen Betrieben die staatlichen Hilfsmaßnahmen in der Regel nicht greifen, da spätere Umsatzeinbrüche von den derzeitigen Maßnahmen nicht abgedeckt werden – ein Umstand der sich dringend ändern muss.

Wenn wir nicht auch Hilfen für Unternehmen auf den Weg bringen, die ebenso durch eine Verlängerung des Lockdowns betroffen sind, auch wenn sie nicht aktiv geschlossen sind, dann sieht es düster aus. Die Folgen werden dramatische sein und jeder von uns wird diese mehr als deutlich spüren. Einst erfolgreiche, sehr geschätzte Betriebe mit hervorragenden Hygienekonzepten werden vollkommen unverschuldet schließen und mit ihnen werden viele Arbeitsplätze verloren gehen.

Die vielfältigen kulturellen Angebote werden massiv schrumpfen. Lebendige Innenstädte mit Einzelhandelsgeschäften, Kinos, Cafés und Eisdielen werden der Vergangenheit angehören. Wir alle werden einen Wandel in Deutschland erleben, der vieles, was wir lieben und schätzen, was wir mühevoll aufgebaut haben, wieder zunichtemacht.

Ja, aber die Gesundheit geht vor – wir wollen doch alle überleben: Warum wird diese Aussage immer als Totschlagargument, als Begründung für weitgreifende Berufsverbote missbraucht? Das eine zu tun ohne das andere zu lassen. Das müsste doch schon längst die Devise sein. Die derzeitige Behandlung der Pandemie entspricht einer strikten Bettruhe. Neben diesem Aufstehverbot gibt es doch so viele weitere Möglichkeiten, die in ihrer Gesamtheit eine deutliche Wirkung zeigen können.

Die Corona-Pandemie hätte schon längst vollumfänglich begleitend behandelt werden müssen. Viele Betriebe haben das mehr als vorbildlich mit ihren Hygienekonzepten gemacht – ein Teil von ihnen wurde jetzt wieder ins Bett geschickt. Auch viele Bürgerinnen und Bürger haben ihre Kontakte beschränkt, halten Abstand, haben das Reiseverhalten reduziert, tragen Masken und waschen sich regelmäßig die Hände. Nur Bund und Länder hängen hinterher. Hier ein paar Beispiele: Nach neuesten Medienberichten zögern viele Kommunen noch immer, für unsere rund 1,7 Millionen Schülerinnen und Schüler in Bayern alle Klassenzimmer endlich mit den Filteranlagen auszustatten, die nachweislich einen hohen Anteil der Aerosole aus der Luft entfernen. Zu unklar ist definiert, für welche Räume die Maßnahmen vom Land übernommen werden. In Bayern müssen sich auch in Zeiten, in denen händeringend um jeden notwendigen Kontakt gerungen wird, rund 39.000 Kommunalpolitiker regelmäßig in Präsenzsitzungen treffen, weil die bayerische Gemeindeordnung noch keine digitalen Ausnahmeregelungen enthält. Ein gestaffelter Unterrichtsbeginn pro Jahrgangsstufe hätte schon seit Schuljahresbeginn überfüllte Schulbusse früh und mittags verhindert. Im öffentlichen Nahverkehr sei die Ansteckungsgefahr auch in vollen Bahnen und Bussen mit dem Corona-Virus sehr gering – so gering, dass angedacht war, Mitarbeitern des Bundes auf Staatskosten in der Bahn einen zweiten Sitzplatz zu bezahlen, damit sie nicht zu dicht neben anderen Mitreisenden sitzen! Diese Distanz sollten entsprechend den Abstandsregeln alle Fahrgäste in den öffentlichen Verkehrsmitteln haben. Südtirol und Madrid beispielsweise gehen neue Wege mit Massenschnelltests, um die Corona-Infizierten ohne Symptome schneller ausfindig zu machen, während bei uns die Gesundheitsämter noch immer Testergebnisse mit der Post verschicken. Mehrfach ist davon gesprochen worden, den Katastrophenfall auszurufen – Tausende von ehrenamtlichen, gut ausgebildeten Katastrophenschützern könnten überlastete Ämter und Behörden unterstützen. Betriebe, die durch zahlreiche Maßnahmen besonders effizient die Ausbreitung des SARS2-Virus verhindern, könnten ein Hygienesiegel erhalten, das vor Lockdowns schützt – die Gelder für die Unterstützung dieser Betriebe wären für sinnvolle Maßnahmen frei.

Es gilt jetzt, klug und ganz ehrlich zu bewerten, ob eine Verlängerung des Teillockdowns wirklich dazu führt, dass wir Weihnachten im Kreise der Familie feiern können und welche anderen Möglichkeiten es noch gibt. Nicht fünf Stunden über Verbote diskutieren, sondern in Szenarien denken und verschiedenste Maßnahmenpakete schnüren. Nicht stur an der eingeschlagenen Richtung festhalten, sondern zugeben, dass ein Weg in eine Sackgasse geführt hat. Transparente Entscheidungen schaffen vertrauen, machen Mut und lassen hoffen. Viele Menschen warten sehnsüchtigst auf die Worte: Operation gelungen und der Patient erholt sich zusehends.

Beste Grüße

Gabriele Sehorz

Präsidentin


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