Rekordfieber am Bondmarkt / Kommentar zur Entwicklung der Anleihe-Emissionen von Kaj Johannsen

Das Jahr 2020, das erst wenige Handelstage alt ist, hat es für
die Kapitalmarktteilnehmer ganz schön in sich. Da sind zunächst die Spannungen
am Persischen Golf, die an den Aktienmärkten für Kursrückschläge und an den
Rentenmärkten infolge der Flucht in Sicherheit für Renditerückgänge infolge
sorgten. Zuletzt beruhigte sich die Lage ein wenig. An den Aktienmärkten setzten
die Kurse zur Erholung an, und der Dax ging wieder auf Tuchfühlung mit seinem
zwei Jahre alten Rekordhoch, das mancher am Freitag der abgelaufenen Woche vor
der Einstellung sah, die dann aber doch ausblieb.

Meilensteine wurden hingegen am Bondmarkt gesetzt, und zwar am Primärmarkt. Die
Konfliktsituation in der Golfregion ließ die Akteure im Anleiheemissionsgeschäft
mit Sicherheit nicht kalt, aber auf die Emissionstätigkeit und die Nachfrage
nach den neuen Papieren hatte der Krisenherd keinen Einfluss, wie sich zeigte.
Emittenten aus allen Lagern – Staaten, Unternehmen, Banken etc. – strömten
scharenweise an den Markt. Platzierungsschwierigkeiten für das neue Bondmaterial
suchte man vergebens. Am Mittwoch wurde dann ein fast auf den Tag genau zehn
Jahre alter Rekord eingestellt. Laut Informa Global Markets (IGM) wurde mit
einem Emissionsvolumen von letzten Endes 29,45 Mrd. Euro in der
Gemeinschaftswährung der emissionsstärkste Tag aller Zeiten gemessen. Der
bisherige Höchststand wurde am 12. Januar 2010 mit einem Emissionsvolumen von
Euro-Anleihen – gleichgültig von welcher Emittentenadresse – von 27,875 Mrd.
Euro aufgestellt. Bereits tags darauf die nächste Headline: Der
Euro-Anleiheprimärmarkt erreichte bereits einen Wochenrekord, und zwar mit einem
Volumen von 75,55 Mrd. Euro. Damit fiel die Bestmarke des Vorjahres, als in der
ersten kompletten Handelswoche ein Bondvolumen von 70,55 Mrd. Euro emittiert
wurde. Letzten Endes lag der Wochenrekord des jungen Jahres 2020 bei 79,3 Mrd.
Euro. Es herrscht Rekordfieber.

Die Nachfrage war zum Teil als enorm zu beschreiben. Da kamen etwa die beiden
ehemaligen Krisenstaaten Portugal und Irland mit syndizierten zehn- bzw.
15-jährigen Anleihen an den Markt, die ihnen von den Investoren praktisch aus
den Händen gerissen wurden. Bei dem Portugal-Bond erreichte die Nachfrage mehr
als 24 Mrd. Euro, bei Irland waren es rund 20 Mrd. Euro. Und auch andere
Emittenten wie Unternehmen konnten sich über große Orderbücher freuen.
Selbstredend, dass die Spreads in den Vermarktungsphasen durch die Bank weg
eingekürzt werden konnten angesichts des Investorenappetits. Und wer am
Primärmarkt nicht zum Zuge kam, kaufte sich das Material eben später am
Sekundärmarkt mit der Folge, dass die Spreads dort weiter zurückgingen. Zwei bis
vier Basispunkte Einengung an nur einem Tag waren durchaus schon als üblich zu
bezeichnen, zumindest für die am Donnerstag emittierten Bonds. Aber auch ein
Hingucker von 15 BP Spread-Einengung, der im Handel für einen Bond der Deutschen
Bank herumgereicht wurde, war dabei.

Es ist aus den vergangenen Jahren bekannt, dass der Auftakt meistens recht gut
läuft. Neues Geld bei institutionellen Anlegern drängt nach Anlage – das ist
auch in diesem Fall zu beobachten. Das schafft natürlich Nachfrage, die die
Emittenten gern ausnutzen, und begünstigt das Entstehen solcher
Rekordsituationen. Hinzu kommt, dass viele Emittenten in den vorigen Jahren
verstärkt dazu übergegangen sind, gerade in der ersten Jahreshälfte einen
Großteil des jährlichen Fundings sicherzustellen, und sie beginnen damit gleich
im Januar. Zu tief sitzt bei manchem noch die Erfahrung von über Wochen
geschlossenen Primärmärkten während der krisenbedingten Verwerfungen aus den
Zeiten von Hypotheken-, Banken-/Finanzmarkt- sowie Staatsschuldenkrise.

Bemerkenswert ist die Entwicklung aber schon deshalb, weil sie gleich in der
ersten Handelswoche stattfand, in der noch vielerorts Schulferien waren und
viele Marktteilnehmer noch im verlängerten Weihnachts-/Silvesterurlaub
verweilten. Viele von ihnen kehren erst in der neuen Handelswoche zurück und
steigen dann ins Geschäft ein. Von daher kann durchaus erwartet werden, dass
sich die Emissionsflut noch fortsetzt und das Rekordfieber weiter ansteigt. Die
Chancen stehen also gut, dass es auch einen Rekordemissionsmonat geben wird.
Nach Daten von IGM ist dies bis dato der Januar 2019 mit einem Volumen von
187,37 Mrd. Euro.

(Börsen-Zeitung, 11.01.2020)

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