Satt machen und satt haben / Die weltgrößte Agrarschau in Berlin ist auch ein Forum dafür, wie die Zukunft der Landwirtschaft aussehen soll. Von Reinhard Zweigler

Der Berliner Funkturm erstrahlt wieder im grünen Licht. Doch
die Grüne Woche, die gestern in der Hauptstadt ihre Hallen öffnete, ist längst
nicht nur eine beeindruckende Leistungsschau dessen, was Land- und
Ernährungswirtschaft zu bieten haben. In Berlin prasseln auch die heftig
widerstreitenden Interessen, Bedürfnisse und Wünsche von Landwirten,
Verbrauchern, Umwelt- und Tierschützern, von Politik, Ernährungswirtschaft und
Handel aufeinander. Die Grüne Woche ist zudem längst ein Forum dafür, wie die
Zukunft unserer Landwirtschaft, unserer Ernährung, wie unsere Haltung zu Natur
und Umwelt, zu Tieren, Pflanzen, Feldern und Wäldern ausgestaltet werden
sollten. Die Debatte darüber findet nicht nur auf der weltgrößten Agrarschau,
auf Hunderten von Veranstaltungen, sondern auch auf der Straße statt. Man
spricht bereits von einem Wirrwarr an Demonstrationen. Am Freitag demonstrierten
Landwirte der Bewegung “Land schafft Verbindung” mit ihren Treckern gegen die
geplante Dünge-Verordnung. Mit dem Slogan: “Wir machen Euch satt” erinnern
Bauern daran, wer das Land und seine Bürger mit Nahrungsmitteln versorgt. Auf
der anderen Seite wollen heute Tausende Menschen gegen eine vorgebliche
“Agrarindustrie”, gegen “Massentierhaltung” auf die Straße gehen. Ihr Motto:
“Wir haben es satt – Agrarwende anpacken, Klima schützen”. Leider haben sich die
Fronten zwischen beiden Lagern in der letzten Zeit extrem verhärtet. Man spricht
kaum miteinander, sondern klagt sich gegenseitig an, produziert gar Feindbilder.
Ob die diesjährige Grüne Woche daran etwas ändern, ob sie den dringend
notwendigen Dialog in Gang bringen kann, ist freilich fraglich. Dabei wollen
beide Seiten im Grunde eigentlich das Gleiche. Landwirte, egal ob vorrangig
konventionell oder ökologisch wirtschaftend, wollen eine intakte Umwelt, saubere
Luft, sauberes Wasser sowie gesunde Böden und Tiere. Wer ihnen anderes nachsagt,
stellt einen ganzen Berufsstand ins Abseits, untergräbt von vorn herein den
notwendigen gesellschaftlichen Diskurs. Auf der anderen Seite wollen auch
Verbraucher, Umwelt- und Tierschützer eine nachhaltige Landwirtschaft, die uns
mit guten Produkten ausreichend ernährt, der das Wohl der Tiere in den Ställen
und auf den Weiden am Herzen liegt. Dabei steckt die Agrarwirtschaft in einem
dramatischen Wandel. Zu enormen Veränderungen auf den Märkten, einer ungeheuren
Macht der Handelskonzerne, veränderten EU-Förderregeln kommen die
Herausforderungen des Klimawandels, von Dürren, aber auch Stürmen und gewaltigen
Niederschlägen, denen die Landwirte in besonderer Weise ausgesetzt sind. Ebenso
muss “die” Landwirtschaft ihren Beitrag zum Schutz von Pflanzen- und Tierarten,
etwa Insekten und Vögeln, leisten. Pflanzenschutzmittel und Dünger dürfen nicht
nach dem Motto ausgebracht werden: Viel hilft viel, sondern müssen genau dosiert
und gezielt bei den Pflanzen ankommen, wie das gute Bauern längst tun. Es
braucht zudem mehr Fruchtfolgen und mehr Blühstreifen auf den Äckern. Auch muss
Schluss gemacht werden mit archaischen, aber tierquälerischen Haltungsmethoden.
Sei es die betäubungslose Kastration von Ferkeln, die Anbíndehaltung von Kühen
oder das Schreddern von männlichen Küken. Doch für all diese Veränderungen, die
von der Gesellschaft gefordert werden, benötigen die Landwirte die entsprechende
Unterstützung aus Brüssel und Berlin sowie durch faire Preise an der Ladentheke.
Daran hapert es aber. Klar ist auch, die enormen Veränderungen können nur mit
und nicht gegen die Landwirte vollzogen werden.

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