Schweizer Hochzeitstrends: Vom Altar zur Wiese

Schweizer Hochzeitstrends: Vom Altar zur Wiese
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Die Schweiz erlebt eine stille Revolution in Sachen Hochzeit: Während kirchliche Trauungen drastisch zurückgehen, boomen freie Zeremonien. Ein Trend, der eine ganz neue Branche entstehen lässt.

Es war einmal eine Zeit, in der fast jedes Schweizer Brautpaar den Gang zum Altar antrat. Heute sieht die Realität anders aus: Laut aktuellen Statistiken des Bundesamts für Statistik (BFS) haben sich die Hochzeitsgewohnheiten der Schweizerinnen und Schweizer in den letzten fünf Jahrzehnten fundamental gewandelt.

Dramatischer Rückgang kirchlicher Trauungen

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während in den 1970er Jahren noch rund 75 Prozent aller Eheschliessungen kirchlich gefeiert wurden, ist dieser Anteil bis heute auf unter 20 Prozent gesunken. Besonders markant zeigt sich dieser Wandel bei den reformierten Trauungen, die von einst 45 Prozent auf heute nur noch etwa 12 Prozent aller Eheschliessungen gefallen sind.

„Wir beobachten seit den 1990er Jahren einen kontinuierlichen Rückgang“, bestätigt Dr. Sarah Müller, Religionssoziologin an der Universität Bern. „Dieser Trend beschleunigt sich sogar noch – jährlich sinkt der Anteil kirchlicher Trauungen um etwa einen Prozentpunkt.“

Die neue Sehnsucht nach Individualität

Während die Kirchen leerer werden, boomt ein anderer Markt: freie Trauungen. Diese personalisierten Zeremonien, oft in malerischen Locations von Schlössern bis zu Bergwiesen, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Schätzungen zufolge entscheiden sich mittlerweile über 30 Prozent der Schweizer Paare für eine freie Trauung – Tendenz stark steigend.

Die Gründe für diesen Wandel sind vielschichtig:

Säkularisierung der Gesellschaft: Der Anteil konfessionsloser Personen hat sich in der Schweiz seit 1970 von 1,1 auf heute über 30 Prozent erhöht. Für viele junge Paare spielt der religiöse Aspekt bei der Eheschliessung keine zentrale Rolle mehr.

Wunsch nach Personalisierung: Freie Trauungen ermöglichen es Brautpaaren, ihre Zeremonie vollständig nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Von selbst verfassten Gelübden bis hin zur Wahl außergewöhnlicher Locations – alles ist möglich.

Multikulturelle Ehen: In einer zunehmend multikulturellen Gesellschaft suchen Paare unterschiedlicher Konfessionen oder Kulturen nach neutralen Alternativen zur kirchlichen Trauung.

Flexibilität bei der Terminwahl: Während kirchliche Trauungen oft terminliche Beschränkungen haben, können freie Zeremonien praktisch jederzeit und überall stattfinden.

Boom einer neuen Branche

Dieser gesellschaftliche Wandel hat eine ganz neue Berufsgruppe entstehen lassen: professionelle freie Trauredner. Was vor 20 Jahren noch nahezu unbekannt war, entwickelt sich zu einem florierenden Geschäftszweig.

„Die Nachfrage nach qualifizierten Traurednern ist in den letzten Jahren förmlich explodiert“, berichtet Marcus Weber, selbst freier Trauredner mit über 15 Jahren Erfahrung. „Ich führe mittlerweile über 80 Zeremonien pro Jahr durch – vor zehn Jahren waren es noch keine 20.“

Die Statistiken bestätigen diese Beobachtung: Während es 2010 schweizweit schätzungsweise nur etwa 50 professionelle freie Trauredner gab, sind es heute über 800 – mit weiter steigender Tendenz.

Professionelle Ausbildung wird zum Standard

Mit der wachsenden Nachfrage steigen auch die Qualitätsansprüche. Paare investieren durchschnittlich zwischen 1.500 und 4.000 Franken in ihren Trauredner und erwarten entsprechend professionelle Leistungen. Diese Entwicklung hat zur Entstehung spezialisierter Ausbildungsangebote geführt.

„Eine fundierte Ausbildung ist heute unerlässlich“, erklärt Sandra Hofmann, die seit über einem Jahrzehnt Trauredner ausbildet. „Es geht nicht nur um das freie Sprechen, sondern um Zeremoniengestaltung, Psychologie, Rechtskenntnisse und vieles mehr.“

Mittlerweile haben sich mehrere Anbieter in der Schweiz etabliert, die professionelle Ausbildungen zum freien Trauredner anbieten. Wer sich zu einem Trauredner ausbilden lassen möchte, findet mittlerweile mehrere Anbieter.

Ausblick: Trend setzt sich fort

Experten sind sich einig: Der Trend zur freien Trauung wird sich in den kommenden Jahren weiter verstärken. Demografische Prognosen zeigen, dass besonders die jüngeren Generationen religiöse Traditionen zunehmend hinterfragen und nach individualisierten Alternativen suchen.

„Wir rechnen damit, dass freie Trauungen in den nächsten zehn Jahren die kirchlichen zahlenmäßig überholen werden“, prognostiziert Trendforscher Prof. Andreas Keller von der Hochschule für Wirtschaft in Zürich.

Für angehende Trauredner bedeutet dies: Die goldenen Zeiten haben gerade erst begonnen. Bei einer durchschnittlichen Vergütung von 1.000 bis 2.500 Franken pro Zeremonie und der Möglichkeit, als Teilzeit- oder Vollzeittätigkeit ausgeübt zu werden, bietet dieser Beruf attraktive Perspektiven.

Fazit

Die Schweizer Hochzeitslandschaft hat sich in den letzten 50 Jahren grundlegend gewandelt. Während kirchliche Trauungen kontinuierlich abnehmen, erleben freie Zeremonien einen beispiellosen Boom. Dieser gesellschaftliche Wandel schafft nicht nur neue Möglichkeiten für Brautpaare, sondern etabliert auch eine ganz neue Berufsbranche.

Für alle, die sich von diesem Trend inspiriert fühlen und den Schritt in die Selbstständigkeit als Trauredner wagen möchten, war der Einstiegszeitpunkt nie günstiger. Die Nachfrage steigt stetig, die Verdienstmöglichkeiten sind attraktiv und die Tätigkeit bietet die seltene Gelegenheit, Menschen an einem der schönsten Tage ihres Lebens zu begleiten.