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Weizenmarkt: Russland entwickelt sich zum Taktgeber

Große Erntemengen haben Russland zum weltweit wichtigsten Weizenexporteur werden lassen. Die russische Politik unterstützt die Landwirtschaft massiv durch Investitionen in die Logistik. Das Jahr 2020 könnte neue Rekorde bringen.

Die russische Weizenernte 2019/2020 wird aktuell von den Analysten des USDA (US-amerikanisches Landwirtschaftsministerium) mit 73,5 Millionen Tonnen beziffert, einem Plus von 2,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zwar wird damit der Rekordwert aus dem Jahr 2017/18 mit 85,2 Millionen Tonnen nicht erreicht, es ist aber das zweithöchste jemals eingebrachte Ergebnis und unterstreicht einen seit geraumer Zeit zu beobachtenden Trend in der russischen Weizenerzeugung.

Trotz zum Teil schwieriger natürlicher Rahmenbedingungen wurden die Produktionsmengen in den vergangenen Jahren tendenziell stetig gesteigert und haben Russland nun im dritten Jahr in Folge zum größten Weizenexporteur weltweit gemacht. Besonders aufmerksam werden solche Entwicklungen natürlich in der Europäischen Union beobachtet, zumal man auf dem internationalen Weizenmarkt mit Russland in permanenter Konkurrenz steht. Russland wird nach Angaben des USDA in der laufenden Saison mit 34,0 Millionen Tonnen der wichtigste Anbieter am Weltmarkt sein, gefolgt von der EU (32 Millionen Tonnen) und den USA (27,5 Millionen Tonnen). Im Wettbewerb um die Kunden, also die Importeure, ist ein kontinuierliches Angebot am Markt über die gesamte Saison hinweg ein wichtiges Kriterium. Hatte Russland in der Vergangenheit witterungsbedingt (Winter) gerade damit Probleme, scheint dieser Nachteil nun weitgehend aufgearbeitet zu sein.

Infrastruktur wird gefördert

Einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hat nicht zuletzt die Politik in Russland. Mit enormer staatlicher Unterstützung wurde in den vergangenen Jahren die Exportlogistik (Straße, Schienen, Häfen) massiv aus- oder umgebaut. Kam in der Vergangenheit der Außenhandel mit Einbruch des Winters praktisch zum Erliegen, können Anfragen nun auch in der eisigen Jahreszeit scheinbar problemlos bedient werden, wie Lieferungen im Januar und Februar dieses Jahres nach Ägypten belegen.

Damit entfällt für die russischen Weizenexporteure zu Beginn der Saison die Notwendigkeit, möglichst schnell große Mengen am Markt abzusetzen, nicht selten verbunden mit preislichen Zugeständnissen. Folgerichtig stellte das Moskauer Forschungsinstitut für Agrarmarktkonjunktur, IKAR, jüngst fest, dass die russischen Weizenausfuhren in der ersten Hälfte der Saison 2019/20 mit 21,2 Millionen Tonnen erst 62 Prozent des für das Gesamtwirtschaftsjahr veranschlagten Weizenexportpotenzials ausgeschöpft haben. Zum vergleichbaren Zeitpunkt des Vorjahres waren es bereits 70 Prozent.

Zum Jahreswechsel war aus Moskau zu hören, Russland habe es nicht eilig, sich von seinem Weizen zu trennen. Für die Mitbewerber, also auch die deutschen Landwirte, am internationalen Weizenmarkt ist dies eine ziemlich neue Situation. Und auch wenn der aktuell günstige Euro-Wechselkurs die EU-Exporteure etwas aufatmen lässt, scheint ein sorgenvoller Blick gen Osten angebracht.

Marktstellung weiter ausbauen

Viele Anhaltspunkte sprechen dafür, dass Russland seine Bedeutung als Weizenproduzent und -exporteur weiter ausbauen wird. Getragen von einem starken politischen Willen, werden anhaltende Investitionen in das Transportwegenetz weitere Anbauflächen erschließen. Zudem wird die Förderung der Produktionstechnik einschließlich der Verfügbarkeit notwendiger Betriebsmittel die Hektarerträge weiter steigen lassen. Die staatlich unterstützte Öffnung neuer Absatzmärkte wird das Gesamtpaket für die Branche ökonomisch rentabel abrunden. Bis 2035 sollen dafür umgerechnet 60 Milliarden Euro in den Getreidesektor fließen.

Es ist vor dem Hintergrund vieler Unsicherheiten hoch spekulativ, ob und in welchem Umfang sich diese Erwartungen erfüllen. Allerdings stützen die jüngsten Prognosen den skizzierten Trend. Das französische Analystenhaus Tallage erwartet die russische Weizenernte in diesem Jahr bei 82 Millionen Tonnen, ein Zuwachs gegenüber 2019 von 11,6 Prozent als Ergebnis einer größeren Anbaufläche und eines höheren Hektarertrags. So bleibt es nachvollziehbar, wenn auf internationalem Handelsparkett im Zusammenhang mit Russland wiederholt ein Vergleich bemüht wird: ein schlafender Riese, der erwacht ist.

Autoren: Herbert Goldhofer und Josef Huber

Institut für Ernährungswirtschaft und Märkte

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