WESTFALEN-BLATT (Bielefeld): Kommentar zur Deutschen Bischofskonferenz

Reform oder Restauration? Das ist die Frage, wenn die Deutsche
Bischofskonferenz an diesem Dienstag einen neuen Vorsitzenden wählt. Und doch
greift das Thema weiter, denn an Herausforderungen wird es dem Nachfolger für
Kardinal Reinhard Marx nicht fehlen. Die Bischofskonferenz ist uneins, in welche
Richtung sie gehen will. Zudem kämpft die Kirche noch immer mit den Folgen des
Missbrauchsskandals. Und schließlich sind da die Forderungen der Katholiken und
vor allem der Katholikinnen nach mehr Teilhabe.

All das ist Gegenstand der größten Reformanstrengung, die die katholischen
Kirche in den zurückliegenden Jahrzehnten unternommen hat, die unter dem Namen
“Synodaler Weg” firmiert. Dabei geht es um vier brisante Themen: die Sexualmoral
der Kirche, die Position der Frauen, den Umgang der kirchlichen Würdenträger mit
ihrer mit Macht und um den Zölibat – die verpflichtende Ehelosigkeit der
Priester. Die Fliehkräfte sind gewaltig, auch wenn eine Mehrheit der Bischöfe
den Erneuerungsprozess zu begrüßen scheint. Dennoch wird der neue Vorsitzende
den Spagat zwischen Integrationsfähigkeit und Führungsstärke hinbekommen müssen,
will er nicht schon zu Beginn seiner Amtszeit sämtliche Erwartungen enttäuschen.
Insbesondere die katholischen Laien erwarten viel, wahrscheinlich sogar zu viel
von den gemeinsamen Anstrengungen, “ihre” katholische Kirche auf ein neues
Fundament zu stellen. Denn mit dem Schreiben “Querida Amazonia” hat Papst
Franziskus jüngst für einen erheblichen Dämpfer gesorgt.

Oder anders: Warum sollte der Pontifex den deutschen Katholiken in puncto Rolle
der Frau und Ehelosigkeit der Priester etwas zugestehen, was er Amazonien nach
der Amazonas-Synode auch nicht zugestanden hat? Folglich dürfte dem
Marx-Nachfolger auch Leidensbereitschaft nicht schaden. In der Sprache des
Glaubens hieße das wohl: Der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz könnte
mindestens zum Märtyrer werden, wenn er den “Synodalen Weg” in einer Allianz der
Willigen gegen alle Widerstände – ob im Vatikan oder daheim in Deutschland –
beschreitet. Und im besseren Falle könnte er deutlich machen, dass regionale
Unterschiede nicht automatisch die Einheit der Weltkirche in Gefahr bringen
müssen.

Zu den Favoriten auf die Marx-Nachfolge sollen Hildesheimer Bischof Heiner
Wilmer (58) sowie der gastgebenden Bischof Peter Kohlgraf (52) gehören. Doch wer
immer es auch wird – er startet in eine heikle Mission. Schon der Auftakt hat es
in sich, denn unmittelbar nach der Vorsitzendenwahl werden die Bischöfe bei
ihrer Frühjahrskonferenz darüber beraten, wie sie künftig die Betroffenen von
sexueller Gewalt entschädigen wollen. Dabei soll es die Idee geben, die bisher
als Maximum genannte Summe von 5000 Euro zu erhöhen – und zwar um das Zehnfache.

Pressekontakt:

Westfalen-Blatt
Ulrich Windolph
Telefon: 0521 585-261
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