Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Fall Tönnies

Sicherlich gibt es derzeit wichtigere Themen auf
der Welt und in Deutschland als die befremdliche Aussage von Clemens
Tönnies. Allerdings: Um eine Bagatelle handelt es sich nun definitiv
auch nicht – so wie es viele Unterstützer des 63-Jährigen aus
Rheda-Wiedenbrück suggerieren. Natürlich kann man sich daran
abarbeiten, ob Tönnies– Sätze über die Freizeitgestaltung des
Afrikaners im allgemeinen rassistisch oder nur diskriminierend
waren oder doch eher eine Art Altherrengerede – also etwas, an dem
man sich früher in Bierzelten herzhaft und auf die Schenkel
klopfend erfreut hat. Genauso kann man darüber streiten, ob die
Schalker Fans nicht der falsche Adressat für die Entschuldigung von
Clemens Tönnies waren. Und genauso kontrovers kann man die
Entscheidung des Schalker Ehrenrates sehen. Der erteilte dem
Aufsichtsratsvorsitzenden einen Freispruch zweiter Klasse. Die Strafe
verhängte der Angeklagte bequemerweise dann gleich selber. Aufpassen
sollte man im Fall Tönnies allerdings, dass in der Argumentation
nicht die Dimensionen verrutschen. Der Unternehmer ist mit Sicherheit
nicht die Fünfte Kolonne der AfD oder der Identitären Bewegung oder
der Reichsbürgerbewegung. Aber genauso wenig waren seine Äußerungen
vernünftige Denkanstöße für eine Diskussion, wie man Afrika
(innerhalb dieses Riesenkontinentes soll es ja gewaltige Unterschiede
in fast allen Lebensbereichen geben) in den kommenden Jahrzehnten
helfen kann. Zudem: Einen Kontinent in Sachen
Kohlenstoffdioxid-Ausstoß belehren zu wollen, der nicht einmal so
viel von diesem Schadstoff erzeugt wie das kleine Deutschland – das
hat dann doch eine koloniale Attitüde. Die Aufregung auf Schalke ist
nach der Ehrenratssitzung nicht wirklich geringer geworden. Viele
finden: Nur ein Rücktritt oder eine Amtsenthebung wären die richtige
Entscheidung gewesen. Angesichts des selbst verschriebenen Leitbildes
des Revierklubs, der sich schon lange als Schmelztiegel der Nationen
nicht nur auf dem Platz versteht, durchaus verständlich. Viele nicht
nur königsblaue Fußballfans, die sich in den vergangenen Jahrzehnten
darum verdient gemacht haben, dass Rassismus in den Stadien geächtet
wird, denken zurecht: Schalke, Herr Tönnies, das kann nicht alles an
Strafe und Entschuldigung gewesen sein. Der Vielbeschäftigte hat
sich eine Auszeit verschafft. Die kann er für sein Unternehmen
nutzen, für den innerfamiliären Konflikt um die Frage, wie es mit
dem Fleisch-Unternehmen weiter geht. Wahrscheinlich wird Clemens
Tönnies aber auch darüber nachdenken, wie er eine Art
Wiedergutmachung leisten will. Es wird spannend zu beobachten sein,
wie die Menschen auf seine Ideen reagieren werden. Auch Clemens
Tönnies hat eine zweite Chance verdient.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

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