Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Parteikonvent der Grünen

In der Sonntagsfrage liegen sie knapp unter 20
Prozent und wären damit zweitstärkste Partei nach der CDU/CSU. Ihr
Vorsitzender Robert Habeck hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im
ZDF-Politbarometer als wichtigster deutscher Politiker abgelöst. Und
mit Luisa Neubauer haben sie die deutsche Greta Thunberg gleich
in ihren eigenen Reihen. Keine Frage: Der Trend ist ein Öko.
Deutschland im Frühjahr 2019 – das ist ein Land, in dem das
Umweltbewusstsein und die Überzeugung, ein guter Mensch zu sein, für
viele eine Hauptrolle spielen, auch wenn es mit der Umsetzung hier
und da erkennbar hakt, weil der Anspruch und die eigene
Lebenswirklichkeit doch nicht immer ganz leicht in Einklang zu
bringen sind. Die beiden Vorsitzenden der Grünen aber ficht das kaum
an. Und die Partei gerät ins Schwärmen. So wie der 68-jährige Lukas
Beckmann, Gründungsmitglied und früher mal Bundesgeschäftsführer,
der sogar glaubt, die Grünen hätten das Zeug fürs Kanzleramt. Ob–s so
kommt, muss fürs Erste offen bleiben. Sicher aber ist, dass die
Kampagnenfähigkeit der Grünen so groß ist wie nie zuvor – und ihre
gesellschaftliche Basis auch. Nichts ist mehr von der arroganten
Selbstverliebtheit eines Jürgen Trittin, nichts mehr von der
Besserwisserei einer Renate Künast. Die Parteivorsitzenden Habeck und
Annalena Baerbock haben die Öko-Partei konsequent und bisher sehr
erfolgreich auf einen neuen Kurs getrimmt: weg von der
Fundamentalopposition hin zur nahezu unbegrenzten Bündnisfähigkeit.
Bester Beweis: Aktuell regieren die Grünen in sieben verschiedenen
Konstellationen in neun Bundesländern mit. In Baden-Württemberg
stellen sie in der grün-schwarzen Koalition den Ministerpräsidenten,
hinzu kommen Schwarz-Grün in Hessen, Rot-Grün in Bremen und Hamburg,
Rot-Rot-Grün in Berlin und Thüringen, Jamaika-, Ampel- und
Kenia-Koalition in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und
Sachsen-Anhalt. »Fundamental« war gestern und »radikal« ist
allenfalls die Offenheit, die sich die Partei verordnet hat. Das gilt
auch für die Debatte um das Grundsatzprogramm und geht so weit,
dass man sich fragen muss, wo genau die Grenze zur Beliebigkeit
verläuft. Und passt haargenau zu Habeck selbst, der immer mal
wieder anfällig ist für Satzgirlanden, die zwar wahnsinnig gut
klingen, aber bei näherer Analyse eben auch wahnsinnig wenig Inhalt
enthalten. Bisher aber schadet das den Grünen überhaupt nicht. Und
wer wollte es der kleinsten – ja, das stimmt tatsächlich! –
Oppositionspartei im Bundestag verdenken, dass sie zumindest verbal
ordentlich mitmischt. Was davon eines Tages bleibt, wenn es heißt,
in der Regierung Verantwortung zu übernehmen, steht freilich auf
einem ganz anderen Blatt.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

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