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Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur #Metoo-Debatte

Dialog aus der Sendung »Shopping Queen«.
Männliche Stimme aus dem Off: »Ich möchte Bräute sehen«. Kandidatin:
»Heiße Bräute?« Antwort der Stimme aus dem Off: »Jaaa!« Die
Sexismus-Debatte ist offenbar an dem TV-Format des Senders Vox
vorbeigegangen. Hier werden Frauen weiter aufs Äußerliche reduziert.
Designer Guido Maria Kretschmer, der privat ganz sicher kein Sexist
ist, spricht trotzdem schon mal von einem »heißen Gerät«, wenn er die
Versuche der Kandidatinnen, sich hübsch anzuziehen, kommentiert. Die
Kandidatinnen betonen unisono, dass sie sich ungern in Dessous vor
der Kamera präsentieren wollen, tun es dann aber doch. Eigentlich
müssten sich Frauen über das in der Sendung transportierte Bild
beklagen, tun sie aber nicht – jedenfalls nicht öffentlich. Das
Format liefert Vox seit Jahren hohe Einschaltquoten. Beispiele wie
»Shopping Queen« oder »Der Bachelor«, der zwischen zahlreichen Frauen
auswählen kann wie Supermarktkunden unter Müslisorten, zeigen, dass
die Sexismus- und #Metoo-Debatte nicht an der Basis ankommt, diffus
und einseitig ist. Sie wird von Wissenschaftlern, Schauspielern,
Politikern und Journalisten geführt, schlägt auf den Alltag aber
kaum durch. Das Beispiel »Shopping Queen« zeigt auch, dass der
Vorwurf »Sexist!« auch davon abhängt, wer etwas sagt. Beim »lieben
Guido« regt sich niemand auf, aber als Rainer Brüderle von der FDP
einer »Stern«-Journalistin sagte, sie könne ein Dirndl gut
ausfüllen, war der Aufschrei groß. Zu Recht, wohlgemerkt! Die
Debatte über die Machenschaften von Regisseuren wie Harvey Weinstein
ist ohne Frage nützlich: Sie sollte auch dem letzten Chauvi
klarmachen, dass Machtmissbrauch für Sex genauso inakzeptabel ist
wie anzügliche Bemerkungen über die Figur einer Kollegin. Aber das
Beispiel »Shopping Queen« zeigt, dass die Debatte an ihre Grenzen
stößt, wenn Frauen selbst Rollenmodelle offenbar nicht so
schlimm finden und es Kretschmer nicht übel nehmen, wenn er sie als
»Mäuse« bezeichnet. Würden sonst so viele jeden Tag einschalten?
Eine Sexismus-Debatte kann tief verankerte Stereotype nicht
beseitigen. Aber das muss sie auch gar nicht. Die Debatte sollte
auf Auswüchse wie sexuelle Gewalt gegen Frauen aufmerksam machen und
Männern den Spiegel vorhalten. Gleichzeitig sollte sie sich vor
einem inquisitorischen Eifer hüten, denn der führt dazu, dass
harmlose Gedichte wie »Avenidas« von Eugen Gomringer plötzlich in
die Nähe von Sexismus gerückt werden. Außerdem drängt die
Sexismus-Debatte Frauen zu stark in die Opferrolle und macht sie
schwächer als sie sind. Eine Ohrfeige für einen unverschämten
Kollegen kann wahre Wunder bewirken.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Chef vom Dienst Nachrichten
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

Original-Content von: Westfalen-Blatt, übermittelt durch news aktuell

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