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Aachener Zeitung: Kommentar zum Aachen-Vertrag:Élysée. Aachen. Europa! Von Thomas Thelen

Immer mehr Ehepaare, das scheint ein Trend zu sein,
verspüren den Wunsch, ihr Eheversprechen zu erneuern. Noch einmal Ja
sagen, gerne im Rahmen einer feierlichen Zeremonie. Was besiegelt
war, soll noch einmal untermauert werden.

Wenn der 1963 zwischen Frankreich und Deutschland geschlossene
Élysée-Vertrag eine Art Eheversprechen war, dann ist der gestern
unterzeichnete Aachen-Vertrag die Erneuerung dieses Versprechens.
Natürlich werden sich die Unterzeichner in einigen Jahren an den
Vereinbarungen messen lassen müssen. Gleichwohl ist der Vertrag
weniger ein Wagnis als vielmehr ein Wegweiser. Nicht das
Binnenverhältnis zwischen Frankreich und Deutschland steht im
Zentrum, sondern die Botschaft nach außen in die EU: Schaut her,
unsere Beziehung hält nach all den Jahren immer noch. Niemand
behauptet, dass wir uns innig lieben, doch wir wissen, dass wir uns
brauchen. Und Ihr braucht uns. Und wir alle brauchen – das ist
letztlich der Kern des Vertrages – Europa!

Mit einer Stimme sprechen

Miteinander im Gespräch bleiben. Was wie eine Floskel klingt,
rückt in einer Zeit, in der es Argumente schwer haben, in den Fokus.
Auch der Aachen-Vertrag zielt darauf ab, jedenfalls betont er, dass
beide Seiten bemüht sein werden, noch stärker als bisher gemeinsame
Standpunkte zu entwickeln. Man will noch intensiver miteinander
reden. Im besten Fall mit einer Stimme sprechen. Das klingt
vernünftig und kann nur im Sinne des europäischen Gedankens sein.
Allerdings nur dann, wenn das, was zwischen beiden Partnern
besprochen wird, den anderen – nennen wir sie die Trauzeugen – Luft
zum Atmen lässt.

Frankreich und Deutschland sehen sich in schwierigen Zeiten in der
Pflicht und gehen voran. Das ist lobenswert. Wünschenswert wäre, dass
dieses Voranschreiten gegenüber den anderen EU-Mitgliedsstaaten ohne
überhebliche Attitüde daherkommen würde. Nach dem Motto: Wir tun es
letztlich in erster Linie für euch . . . Damit vergrault man die
Freunde, die man so dringend braucht.

Donald Tusk, der Präsident des Europäischen Rates, hat der
Kanzlerin und dem Präsidenten gestern in einer kurzen Rede auf
freundliche und doch bestimmte Art zu verstehen gegeben, dass es
keinen deutsch-französischen Alleingang geben kann. Er werde beide
daran erinnern. Das darf man gerne als Ansage verstehen.

Aachen war auch deshalb der ideale Ort für die Unterzeichnung des
Vertrages. Weil zwar war die historische Dimension im Krönungssaal
des Rathauses greifbar war, die Zeremonie und das Prozedere jedoch
insgesamt nicht aufgeblasen oder gar pompös wirkten, sondern
angemessen und authentisch. Der Stadt mit ihrem Oberbürgermeister und
allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben,
namentlich dem Protokoll, der Feuerwehr, der Polizei und den
Sicherheitskräften, muss man an dieser Stelle ein Kompliment machen.
Aachen kann Gipfeltreffen! Auch das war eine wichtige Botschaft.

Macron in Höchstform

Vieles in dem Vertragswerk klingt sehr vernünftig. Doch eine
Freundschaft wie die zwischen Frankreich und Deutschland darf nicht
allein getragen sein von Vernunft. Idealerweise spielt das Herz mit.
So wie doch auch Europa eine Herzensangelegenheit sein sollte. Wie
aber kann man das Feuer für die europäische Idee neu entfachen? Indem
man leidenschaftlich darüber spricht. Emmanuel Macron ist das
am Ende seiner Rede, als er sich von seinem Manuskript befreite, auf
bemerkenswerte Art und Weise gelungen. Da beschwor er den
deutsch-französischen Gemeinschaftsgeist, da war im Krönungssaal
etwas zu spüren von der Magie. Der Kanzlerin, die insgesamt etwas
fahrig wirkte, gelang es nicht, der Vertragsunterzeichnung einen
emotionalen Stempel aufzudrücken. Das hatte aber niemand erwartet.

Versöhnung war das Wort der Stunde, als der Élysée-Vertrag
unterzeichnet wurde. Und es waren die Menschen, die ihn mit Leben
füllten. Für die Alltagsbegegnungen sieht der neue Vertrag einen
Bürgerfonds vor, mit dem Städtepartnerschaften und Schüleraustausche
stärker gefördert werden sollen. Miteinander im Gespräch bleiben.
Nichts ist schlimmer als Sprachlosigkeit. Wenn sich Ehepartner nichts
mehr zu sagen haben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Da
kann man das Eheversprechen noch so oft erneuern.

Pressekontakt:
Aachener Zeitung
Redaktion Aachener Zeitung
Telefon: 0241 5101-391
az-politik@zeitungsverlag-aachen.de

Original-Content von: Aachener Zeitung, übermittelt durch news aktuell

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