ARD-Recherche: Untere Einkommensgruppen in Deutschland politisch schlechter vertreten

Die politische Elite in Deutschland wird immer
akademischer, und die Interessen der Bürger mit einfachen
Schulabschlüssen oder geringem Einkommen erfahren im gegenwärtigen
Politikbetrieb weniger Beachtung als die Interessen der Eliten. Das
haben Recherchen für die TV-Dokumentation „Wer beherrscht
Deutschland?“ ergeben, die im Auftrag von MDR und WDR entstanden ist
und heute (30.09.2019) um 20.15 Uhr im Ersten läuft.

Eine Datenerhebung im Rahmen des Projektes zeigt: In den
vergangenen 30 Jahren hat sich die politische Elite Deutschlands
deutlich verändert. In der Bundesregierung verdrängen immer mehr
Akademiker die Politiker ohne Hochschulabschluss.

„Bis 2009 gab es stets mehrere Minister, die allein mit Mittlerer
Reife und einem erlernten Beruf ein Ministeramt erreichten“, heißt es
in der Erhebung. Aktuell hätten 94 Prozent der Mitglieder der
Bundesregierung einen Hochschulabschluss. Zum Vergleich: In der
Bevölkerung beträgt der Anteil der Hochschulabsolventen 18 Prozent.
Vor allem die Frauen haben dazu beigetragen, den Bildungsgrad in der
Regierung anzuheben. Waren vor 30 Jahren 16 Prozent der
Regierungsmitglieder weiblich, sind es heute 50 Prozent. „Die Töchter
des studierten Bürgertums verdrängen in diesem Sinne seit 1990 die
männlichen Arbeiterkinder“, schlussfolgert der Elitenforscher der TU
Darmstadt Michael Hartmann. So präge die soziale Herkunft zunehmend
die Sicht auf die gesellschaftliche Wirklichkeit.

„Jene Eliteangehörigen, die selbst schon in Reichtum oder
zumindest Wohlstand aufgewachsen sind, stehen den sozialen
Unterschieden weit weniger kritisch gegenüber als jene, die aus den
Mittelschichten oder aus der Arbeiterschaft stammen,“ so
Elitenforscher Michael Hartmann. Das führe dazu, dass diese Eliten
die Bedeutung sozialer Unterschiede mehrheitlich unterschätzen und
durch Aktivitäten weiter verschärfen statt sie zu verringern.

Die Daten sind im Zusammenhang mit dem TV-Projekt „Wer beherrscht
Deutschland?“ erhoben worden und untersuchen Herkunft und
Aufstiegswege von Eliten in Deutschland. Dafür wurden Lebensläufe und
Karrierestationen von Bundestagsabgeordneten, Mitgliedern der
Bundesregierung (seit 1990), Vorstandsvorsitzenden der 100 größten
Unternehmen, Vorsitzenden der Gewerkschaften und der
Arbeitgeberverbände, vorsitzenden Bundesrichtern sowie Rektoren der
Universitäten in Deutschland untersucht.

Pressekontakt:
WDR Pressedesk
Tel. 0221-220 7100
wdrpressedesk@wdr.de

Original-Content von: WDR Westdeutscher Rundfunk, übermittelt durch news aktuell

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