BERLINER MORGENPOST: Unser Mutmachtag / Leitartikel von Christine Richter zum Frauentag

Es ist eine Premiere: Heute begehen wir in Berlin
zum ersten Mal den Frauentag als Feiertag. Als einziges Bundesland.
Nach einer sehr kurzen, intensiven Diskussion in der Berliner
Landespolitik, in die sich die Kirchen in Berlin und die Bürger
dieser Stadt per Leserbrief oder über die sozialen Medien wie
Facebook eingemischt haben. Beteiligt wurden wir alle nicht, die
Entscheidung für den 8. März als Feiertag haben die
rot-rot-grünen Politiker unter sich ausgemacht. Und gezeigt, wie
schnell Politik sogar in Berlin sein kann: Nun also feiern wir ihn,
den Internationalen Frauentag.

Ich persönlich war eigentlich für einen anderen Feiertag, wenn es
denn schon ein zusätzlicher in Berlin sein sollte. Aber ich kann
mich, nach meinen Gesprächen mit anderen Frauen, inzwischen mit
unserem neuen Feiertag anfreunden. Warum? Weil es eben doch noch
viele Ungerechtigkeiten auch in unserer so modernen Welt gibt, weil
es sich lohnt, über die Situation von Jungen und Mädchen, von Männern
und Frauen nachzudenken – und vor allen Dingen die Probleme dann auch
anzugehen.

Beispiel Kindertagesstätte und Schule: Auch heute, im 21.
Jahrhundert, verfangen doch offensichtlich noch die alten
Rollenklischees. Die Mädchen werden in ihren sozialen Kompetenzen
gefördert, die Jungen in ihren handwerklichen und technischen
Fähigkeiten. Das fängt beim Spielzeug und den Kinderbüchern an und
setzt sich später bei den Empfehlungen für Schülerpraktika fort.
Sicherlich geben sich viele Erzieherinnen und Erzieher (so es sie
gibt) jede Mühe, alle Kinder gleich zu fördern und zu fordern. Ich
bin mir auch sicher, dass sich viele Lehrerinnen und Lehrer bemühen
und den Jugendlichen die Gleichberechtigung vorleben. Aber ich
glaube, dass an diesen Bildungsstätten, wo wir alle doch so stark für
unser Leben geprägt werden, häufig die alten Muster vorherrschen.

Vorbilder, da bin ich überzeugt, sind für Mädchen – und Jungen –
von immenser Bedeutung. Auch aus ganz persönlichem Erleben: Meine
Mutter ist und war eine starke Frau, die keine höhere Schule besuchen
oder gar studieren durfte, sondern schon mit 15 Jahren im elterlichen
Betrieb mithalf und nach dem Schulabschluss anfing, dort zu arbeiten.
Fortgebildet hat sie sich dann später, als es möglich war. Sie hat
uns immer Mut gemacht, uns unterstützt und angetrieben – und Fehler
waren nicht schlimm, solange man daraus lernte.

Meine Schwester und ich besuchten ab der fünften Klasse eine
katholische Mädchenschule – obwohl wir Protestanten waren. Es war die
beste Schule am Ort und tat uns, bei allen Auseinandersetzungen, gut.
Unsere Lehrerinnen und Lehrer haben uns sehr gefordert – und
gefördert. Auch im Mathematik- oder Physik-Leistungskurs, auch bei
handwerklichen Aufgaben. Jungs, die sich hätten vordrängeln können,
gab es keine. Wie oft haben die Lehrkräfte mit uns über Ausbildung
und Studium gesprochen, was haben sie uns Mut gemacht für die
schwierigeren Fächer und Berufe.

So erschrecke ich manchmal, wenn ich mir die Bilanzen eines
Ausbildungsjahres ansehe: Immer noch sind die Berufe Bürokauffrau,
medizinisch-technische Assistentin oder Friseurin die beliebtesten
bei den jungen Frauen, die junge Männer entscheiden sich klassisch
für den Kfz-Mechatroniker, Industriemechaniker oder Elektroniker. Wer
sind da die Vorbilder? Oder wurde ihnen kein Mut gemacht für andere
Berufe? Ist es einfacher, die Rolle, die vermeintlich von einem
erwartet wird, zu erfüllen?

Und ich erschrecke immer noch, wie starr die Strukturen sind. Wie
schwer es ist, Beruf und Familie zu vereinbaren und als Frau dennoch
Karriere zu machen. Das gilt übrigens auch für den Journalismus. Die
Zahl der Frauen in Führungspositionen in den Medien – ob bei
Printmedien oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – ist,
vorsichtig formuliert, begrenzt. Ähnliches gilt leider auch in der
Politik: In den Parlamenten beträgt der Frauenanteil derzeit meist um
die 30 Prozent – obwohl die Frauen doch die Hälfte der Bevölkerung
stellen. Das liegt, wir wissen es alle, nicht daran, dass Frauen zu
wenig Interesse an Politik haben, sondern das liegt an den
familienunfreundlichen Strukturen, an den vorherrschenden Ritualen.
Wer eine Karriere in der Politik anstrebt, der braucht schon viel
Standing, ein dickes Fell und immer noch viel Zeit am Abend und am
Wochenende – Zeit, die viele Frauen eben lieber mit Mann und Kindern
verbringen.

Der Frauentag, er bietet die Chance, über die Lage in Deutschland,
über das Leben von Frauen und Männern nachzudenken und zu reden. Ich
würde mich freuen, wenn der Tag nicht nur zum Ausschlafen oder für
einen Ausflug ins Umland genutzt wird, sondern als ein Tag zum
Mutmachen. Gern begleitet von einer roten Nelke oder roten Rose – und
dann müssen sich Frauen und Männer verständigen, was alles noch
anders werden muss. In Berlin, in Deutschland.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/887277 – 878
bmcvd@morgenpost.de

Original-Content von: BERLINER MORGENPOST, übermittelt durch news aktuell

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