Börsen-Zeitung: Aktien sind nicht teuer / Analyse zum Aktienmarkt von Werner Rüppel

Nach der deutlichen Korrektur 2018 streben die
Aktienmärkte in diesem Jahr wieder nach oben. So hat der Dax gerade
ein Jahreshoch bei 12.914 Punkten markiert und im bisherigen
Jahresverlauf rund 22% an Wert gewonnen.

Spielen die Märkte verrückt und sind zu heiß gelaufen, mögen sich
Beobachter fragen. Schließlich lahmt die Weltkonjunktur, etliche
Unternehmen mussten Gewinnwarnungen vermelden und die
Gewinnerwartungen der Firmen sind insgesamt rückläufig. Wird es daher
gar wie im Vorjahr zu einem Einbruch des Aktienmarkts zum Jahresende
hin kommen?

Rückschläge bei Dividendentiteln kann es natürlich immer geben,
insbesondere durch neue Botschaften von Donald und Boris. Doch
Aktien, vor allem europäische Titel, sind insgesamt nicht teuer.
Hinzu kommt, dass die Akteure am Aktienmarkt alles andere als
euphorisch sind, eher herrscht Vorsicht. Denn insbesondere auch die
institutionellen Anleger sind sich der Unsicherheiten sehr bewusst.

Was diametral anders ist als vor einem Jahr, ist die Politik der
internationalen Notenbanken. War die Fed vor Jahresfrist noch auf
Straffungskurs, so hat sie inzwischen die Geldschleusen geöffnet.
Bereits in der kommenden Woche könnte sie erneut die Zinsen senken.
Auch die Europäische Zentralbank stellt reichlich Liquidität quasi
kostenlos zur Verfügung. Hinzu kommt, dass die Notenbanken in den
nächsten Monaten noch weiter lockern werden.

Da es in Euroland auch am langen Ende keine Zinsen mehr gibt und
sich auch die US-Zinsen markant ermäßigt haben, gibt es kaum eine
Alternative zu Aktien. Die Monate November und Dezember sind saisonal
ohnehin eine gute Zeit für Dividendentitel, größere Rückschläge gab
es in diesem Zeitraum lediglich in den Jahren 2000 und 2018. Somit
dürfte der Aktienmarkt in diesem Jahr zum Jahresende hin eher zulegen
denn einbrechen.

Welche Stärke der Aktienmarkt hat, wurde jüngst sichtbar, als das
Dax-Schwergewicht SAP nach guten Zahlen und einem Wechsel an der
Firmenspitze an einem Tag um mehr als 10% zulegte und den deutschen
Leitindex mit nach oben zog.

Warum sind nun Aktien aber nicht teuer? Weil bei der Bewertung von
Dividendentiteln stets die Alternativen, sprich die Zinsseite und die
mit Anleihen zu erzielende Rendite, mit einzubeziehen sind. Würden
zehnjährige Bundesanleihen noch Renditen von 8% oder 9% im Jahr
abwerfen, wären Aktien vielleicht teuer. Aber es gibt nichts mehr;
wer Bunds erwirbt und durchhält, zahlt sogar drauf. Auch für Festgeld
locken keine Zinsen mehr.

Manfred Hübner, Research-Chef bei Sentix, hat nun europäische
Aktien unter Einbeziehung der Anleiheseite bewertet. Dazu hat er zum
einen die Dividendenrendite europäischer Aktien minus der Rendite
zehnjähriger Anleihen berechnet. Das Ergebnis: Mit einem Wert von 4%
sind europäische Aktien im langfristigen Vergleich derzeit
ausgesprochen günstig bewertet. Zieht man von diesem Wert noch die
Teuerungsrate ab, erhält man ein ähnliches Bild.

Hübner hat diese Größen auch für den US-Aktienmarkt berechnet.
Demnach sind US-Werte ebenfalls keineswegs teuer, allerdings nicht so
günstig bewertet wie europäische Titel.

Für europäische Aktien stellt auch Michael Bissinger von der
DZ-Bank fest, dass die Dividendenrenditen gegenüber Anleihen einen
Renditeaufschlag von gut 4% bieten, was nahe dem Rekordniveau liegt.
Und nach Einschätzung von Stefan Keitel, Chefstratege bei Deka
Investments, lohnt es sich, über eine höhere Gewichtung von
Dividendentiteln nachzudenken, schon um damit den Rückgang der
Zielrendite infolge der ultralockeren Geldpolitik zumindest teilweise
zu kompensieren. Denn im aktuellen Umfeld sind Aktien durchaus
attraktiv.

(Börsen-Zeitung, 26.10.2019)

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