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Börsen-Zeitung: Am monetären Tropf, Marktkommentar von Christopher Kalbhenn

An Gewinnmitnahmen ist noch keiner gestorben, so
eine alte Börsianer-Weisheit. Am Donnerstag bis auf 10.787 Punkte und
damit bis in die Nähe des Jahreshochs von 10.802 Punkten gestiegen,
fiel der Dax deutlich zurück, als die Marktteilnehmer am frühen
Nachmittag auf den Verkaufsknopf drückten.

Das ist nicht weiter tragisch. Korrekturen gehören einfach dazu,
und schließlich haben Anleger mit dem Dax seit der Jahresmitte einen
Ertrag von rund 9 Prozent eingefahren. Von größerer Bedeutung ist
allerdings der Anlass. Es war keine enttäuschende
Konjunkturindikation, die die Korrektur auslöste. Die Gewinnmitnahmen
wurden vielmehr von der Entscheidung der Europäischen Zentralbank
losgetreten, entgegen den Konsenserwartungen ihre Geldpolitik nicht
weiter zu lockern, etwa durch eine Verlängerung ihrer Anleihekäufe.

Damit wurde erneut deutlich vor Augen geführt, dass der
Aktienmarkt weiterhin am Tropf der Geldpolitik hängt bzw. von dieser
getrieben wird. Die fundamentale Basis, also Konjunktur und
Unternehmensgewinne, spielt dagegen nach wie vor eine untergeordnete
Rolle. Aus Sicht der Anleger ist das derzeit auch gut so. Denn trotz
aller Anstrengungen der Währungshüter kommt die Gewinnentwicklung
einfach nicht in Schwung.

Zwar ist nicht zu leugnen, dass die Geldpolitik den Unternehmen
auf der Finanzierungsseite hilft. Schließlich können sie sich am
Kapitalmarkt zu Konditionen bedienen, die historisch einmalig günstig
sind. In der abgelaufenen Woche gelang es Henkel und Sanofi als
ersten Unternehmen sogar, Anleihen mit einer Negativrendite zu
platzieren. An der nach wie vor mäßigen Unternehmensgewinnentwicklung
ändert dies jedoch nichts.

„Die laufende Rally wurde nicht durch Verbesserungen bei den
Gewinnschätzungen begleitet“, so am Freitag die Landesbank
Baden-Württemberg. Im Gegenteil: Die Schätzungen seien weiter nach
unten revidiert worden, wenn auch längst nicht mehr in dem Maße wie
in den Monaten zuvor. Die einstmals sehr günstigen Bewertungen lägen
daher inzwischen nur noch leicht unterhalb ihrer historischen
Mediane. Flankierend seien auch die Makrozahlen alles andere als
zufriedenstellend ausgefallen. Die beiden ISM-Indizes seien
eingebrochen, und auch der US-Arbeitsmarkt habe enttäuscht. Dies
gelte erst recht für die deutsche Industrieproduktion, die im
Vergleich zum Vormonat um 1,5 Prozent gesunken sei. Treiber seien
lediglich die Hoffnung der Anleger auf weiter wohlwollende
Notenbanker sowie gesunkene Brexit-Sorgen gewesen. „Nun könnte die
Luft jedoch allmählich dünner werden“, so das Fazit der Bank.

Als Ausweg bleibt derzeit nur eine höhere Bewertung. Es ist aber
höchst fraglich, ob Investoren bereit sein werden, spürbar höhere
Bewertungen zu bewilligen. Zum einen befindet sich die KGV-Bewertung
am US-Aktienmarkt auf einem Zehnjahreshoch. Zum anderen hat neben dem
Aktienmarkt- auch der Konjunkturzyklus in den Vereinigten Staaten ein
sehr reifes Stadium erreicht.

Nach Einschätzung der DZ Bank könnte es dennoch etwas Spielraum
nach oben geben. Ein Blick auf die Fundamentaldaten sei eher
ernüchternd und könne die positiv tendierenden Aktienmärkte kaum
untermauern. So habe die Berichterstattung in Europa und auch in
Deutschland keine neuen Impulse gesetzt. In einem Umfeld extrem
niedriger Renditen könnten den Aktienmärkten jedoch ohnehin
tendenziell höhere Bewertungen zugebilligt werden als in Zeiten, in
denen die Renditen merklich höher stünden. „Der Prozess der
Bewertungsexpansion könnte folglich – insbesondere bezogen auf die
europäischen Aktienmärkte – daher noch nicht zu Ende sein.“ Die Bank
hält den derzeitigen Aufschwung an den Aktienmärkten jedoch unter
anderem aufgrund der politischen Unsicherheit für fragil.

Auch die BayernLB ist eher skeptisch, was das Potenzial des
Aktienmarkts betrifft. „Vor dem Hintergrund schwächer erwarteter
konjunktureller Impulse, einer nur schleppenden Entwicklung der
Unternehmensgewinne und anhaltend hoher politischer Risiken rechnen
wir damit, dass der Dax und der Euro Stoxx 50 bis weit ins Jahr 2017
hinein in den Handelsbandbreiten der letzten zwölf Monate bleiben.“
In den USA sähen einige Einflussfaktoren zwar günstiger aus, die
jüngsten konjunkturellen Schwächesignale, die schon recht
ambitionierte Bewertung, abnehmender Rückenwind vom Ölpreis sowie die
langsam fortschreitende geldpolitische Straffung der Fed würden die
Aufwärtsdynamik aber auch dort wahrscheinlich bremsen und machten
temporäre Kursrückschläge wahrscheinlicher.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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