Börsen-Zeitung: Bewährungsprobe, Kommentar zur Windenergiebranche von Carsten Steevens

Am Ende eines Jahres, in dem über Klimaschutz wohl so viel
diskutiert wurde wie nie zuvor, produzieren Windkraftanlagenbauer mit Sitz,
Geschäft oder maßgeblichen Gesellschaftern in Deutschland reihenweise
Schlagzeilen: Senvion ist insolvent und wird zerschlagen, Nordex könnte bald
komplett unter dem Dach des spanischen Großaktionärs Acciona stehen, Siemens
Gamesa streicht 600 Stellen, Enercon gar 3000. Die Ursachen für die Miseren
liegen in der Umstellung von staatlicher Förderung auf Auktionsverfahren, die
sich weltweit in vielen Märkten etabliert haben, in Problemen mit der
Wettbewerbsfähigkeit, aber auch in einem seit 2018 fast kollabierten deutschen
Kernmarkt.

Deutschland galt einst als größter Markt für Windkraftanlagen in Europa.
Inzwischen erreichen die Zubauzahlen die niedrigsten Werte seit Einführung des
Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000. Zugleich werden weltweit 2019
und in den Folgejahren in einem großenteils subventionsfreien Umfeld
Neuinstallationen in Rekordhöhe erwartet – bei scharfem Wettbewerb und
geringeren Margen als in der Vergangenheit. Befindet sich die deutsche
Windbranche vor diesem Hintergrund auf dem gleichen Weg wie vor rund einer
Dekade die Solarindustrie?

Für die Politik in Deutschland, die das Ziel verfolgt, dass 65 Prozent des
Strombedarfs bis 2030 aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden sollen, ist die
Krise der Windbranche nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Atomenergie und
der Kohleförderung eine elementare Bewährungsprobe. Nicht zuletzt sind
Großkonzerne wie Volkswagen, die sich auf neue Technologien wie Elektromobilität
ausrichten, darauf angewiesen, dass der von ihnen genutzte Strom künftig aus
erneuerbaren Energiequellen und damit auch von Windkraftanlagen stammt. Dafür
braucht es stringente Rahmenbedingungen, die im Einklang stehen mit Aspekten der
Versorgungssicherheit und der Akzeptanz in der Bevölkerung.

Auf dem Spiel steht die Glaubwürdigkeit der Klimaschutzpolitik. Wenn sich aber
die politischen Akteure über die Pläne für Abstandsregelungen beim Bau von
Windrädern nicht einigen, wenn Genehmigungsverfahren für Windparks nicht
beschleunigt werden, wenn das Verhältnis von Klima- und Artenschutz ungeklärt
bleibt, wenn es keine Anreize zum Windenergieausbau gibt, dann wird auch der
Wirtschafts- und Industriestandort Schaden nehmen. Wenn die Energiewende ernst
gemeint ist, dann braucht es nun den politischen Willen auf allen Ebenen.

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