Börsen-Zeitung: Das Fell des Bären / Kommentar zur Strategie des Reisekonzerns TUI von Lisa Schmelzer

Tuifly, die deutsche Fluglinie des Reisekonzerns Tui, wird
Ende nächsten Jahres ins Langstreckengeschäft einsteigen. Zunächst mit zwei
Flugzeugen am Start soll die Flotte schnell auf bis zu fünf Flieger wachsen.
Geliebäugelt hat die Führung der Airline schon länger mit diesem Schritt, indes
galt es, die Konzerngremien und allen voran Tui-Chef Friedrich Joussen zu
überzeugen. Der wollte in der Vergangenheit die Airline eher los werden als
ausbauen.

Die Airline-Pleiten der vergangenen Jahre, von Air Berlin, Small Planet Airlines
und Germania, hatten den Druck auf Tui erhöht, den Transport der Kunden selbst
sicher zu stellen. Die unsichere Situation beim Konkurrenten Condor, der nach
der Pleite des Mutterkonzerns Thomas Cook einen Käufer sucht, tat ein übriges,
um auch Joussen von der Notwendigkeit, das Fluggeschäft auszuweiten, zu
überzeugen. Zumal Tui Deutschland nach der Pleite von Thomas Cook mit deutlich
mehr Reisenden bei den eigenen Veranstaltern rechnet – die Rede ist von
zusätzlichen 500.000, das wäre ein Plus von fast 10%.

Bisher schickt Tui viele Kunden mit der Condor auf Reisen, die ein starkes
Standbein im Langstreckengeschäft hat. Nun wird das Fell des Bären verteilt,
bevor der Bär erlegt ist. Allerdings könnte es durchaus sein, dass Tuifly mit
dem gestern verkündeten Schritt dafür sorgt, dass es mit der Condor schneller zu
Ende geht. Denn ein möglicher Interessent muss die Wettbewerbssituation neu
bewerten und kommt nun vielleicht eher zu dem Schluss, dass sich ein – hohes –
Investment in Condor nicht lohnt.

Für die Airlinebranche insgesamt verschärft der Auftritt des neuen Mitspielers
die sowieso schon angespannte Wettbewerbssituation. Die Pleiten der
Vergangenheit haben nichts daran geändert, dass die Branche nach wie vor unter
Überkapazitäten ächzt. Die durch das Aus von Air Berlin gerissene Lücke ist
längst geschlossen, zudem haben Unternehmen wie Lufthansa das touristische
Langstreckengeschäft für sich entdeckt. Das hat längst einen ruinösen Preiskampf
zur Folge.

Tuifly ist allerdings dennoch in einer guten Startposition. Denn die
Tui-Fluglinien bekommen eine gute Auslastung alleine schon durch die Reisenden
der konzerneigenen Veranstalter zusammen, denen sie nun dank
Langstreckenfliegern ein umfängliches Angebot machen können. Im Regen stehen die
Airlines, die bisher mit Tui-Urlaubern unterwegs waren. Sie müssen sich noch
mehr Geschäft im Einzelplatzverkauf erkämpfen, das geht in der Regel nur über
den Preis und zu Lasten der Rentabilität.

(Börsen-Zeitung, 22.11.2019)

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