Börsen-Zeitung: Fehler im System, Kommentar zu Boeing von Lisa Schmelzer

Der Luftfahrtkonzern Boeing hat mit seiner
Salamitaktik jegliche Glaubwürdigkeit verspielt. Als die Maschinen
des Typs 737 Max abgestürzt waren, versuchte der Konzern zunächst,
anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben, den Piloten und den
Airlines. Probleme mit der Software in den Fliegern wurden erst
eingestanden, als die Beweislast erdrückend war. Verantwortung
übernehmen muss nun ein Manager, der seit drei Jahren im Amt ist und
mit der Entwicklung des Absturz-Flugzeuges daher nur wenig zu tun
haben kann.

Während der Chef der Zivilluftfahrtsparte gehen muss, bleibt
Konzernchef Dennis Muilenburg an Bord – noch. Will man Boeing das
Festhalten am Chef positiv auslegen, könnte man vermuten, er soll so
lange bleiben, bis die Causa 737 Max abgearbeitet ist. Einem
Nachfolger würde so ein Neustart erleichtert. Wahrscheinlicher aber
ist es, dass das Schuldbewusstsein bei Boeing und Muilenburg immer
noch eher schwach ausgeprägt ist.

Sicher wurden im Fall 737 Max von Boeing – und vermutlich auch von
einem Teil der mit der Zulassung betrauten Behörde – gravierende
Fehler gemacht. Doch ein fehlerhaftes Flugzeug ist in der
Luftfahrtindustrie beileibe kein Einzelfall, wenn die Mängel auch in
den meisten Fällen glücklicherweise weniger fatale Folgen haben als
bei der 737 Max. Nahezu im Wochenrhythmus ist von Problemen mit
Triebwerken zu hören, die Maschinen zum Grounding zwingen (Airbus
A220) oder die Entwicklung eines Modells verzögern (Boeing 777X). Da
müssen Sitzreihen leer bleiben, damit ein Flieger nicht zu kippen
droht (A320 neo) oder es werden Risse in Bauteilen gefunden (Boeing
737).

Sorgen um die Ingenieurskunst muss man sich deshalb nicht machen.
Das zuweilen schlampig wirkende Arbeiten hat vielmehr mit dem
enormen Zeit- und Kostendruck zu tun, unter dem Hersteller,
Zulieferer und Airlines stehen und der manch einen dazu verleitet,
von Fall zu Fall Fünfe gerade sein zu lassen. Anders lässt sich
nicht erklären, warum etwa für die Lufthansa, die mehr Passagiere
unterbringen wollte, ein Airbus A320 neo mit weit in das Heck
verschobener Bordküche konfiguriert wurde, was nun zu einer
ungünstigen Gewichtsverteilung inklusive Kippgefahr führt.

Im Fall der Boeing 737 Max wurde beispielsweise an Sensoren
gespart und an der Schulung von Piloten. Auch die Behörden verfolgten
bei Zulassungen ein strenges Kosten- und Zeitmanagement – Teile der
Prüfungen und Abnahmen wurden ausgelagert, an den Hersteller Boeing.
Es ist allerhöchste Zeit, solche Fehler im System auszumerzen.

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