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Börsen-Zeitung: Jahr der Täuschungen, Kommentar zum Jahreswechsel von Claus Döring

Der Globalisierung, seit vielen Jahren
verlässliche Triebkraft der Weltwirtschaft, geht die Puste aus. Das
Wachstum in China hat an Dynamik eingebüßt, die Konjunktur in Asien
insgesamt, in Europa und den USA dümpelt vor sich hin und die
Emerging Markets zählen seit Jahren schon zu den Verlierern. Wie
immer, wenn Wachstum erlahmt und nicht mehr für jeden ein größeres
Stück vom Kuchen sicher ist, werden die Verteilungskämpfe härter. Sie
geben Renationalisierung und Abschottung Auftrieb. In freien Märkten
werden dann weniger die Chancen gesehen, sondern die Risiken einer
politischen und ökonomischen Unterdrückung durch die Stärkeren.

Das spürten die USA im zu Ende gehenden Jahr beispielsweise mit
dem wachsenden Widerstand gegen das Freihandelsabkommen TTIP oder der
Aufkündigung des Safe-Harbor-Paktes mit der EU. Das spürte Europa an
den Grexit-, Brexit- und anderen Ausstiegsdebatten. Und das spürte
auch Deutschland: Als Geldgeber für überschuldete Euro-Länder ist es
willkommen; geht es aber um gemeinsame Pflichten wie
Haushaltsdisziplin oder Verteilung und Finanzierung des
Flüchtlingszustroms, ist es mit der Solidarität in Europa nicht weit
her. Immer mehr Anhänger eines vereinten Europas wie auch der
gemeinsamen Währung fühlen sich nach den Erfahrungen des Jahres 2015
mit vielen uneingelösten Reformversprechungen getäuscht.

Als große Täuschung hat sich jedenfalls die Strategie der
Notenbanken erwiesen, mit Nullzinspolitik und Gelddrucken Konjunktur
und Investitionen ankurbeln zu können. Die amerikanische Notenbank
hat endlich das Ende dieses Wahnsinns eingeläutet, obwohl die USA
weit davon entfernt sind, wieder die Konjunkturlokomotive spielen zu
können. Da sich die Notenbanken inzwischen weltweit ungeniert in den
Dienst der nationalen Konjunkturpolitik stellen und dem
Abwertungswettlauf frönen, könnte der US-Zinswende schon bald die
Rolle rückwärts folgen.

An den Finanzmärkten wird die Volatilität damit die neue
Normalität bleiben. Ausgerechnet auf diese unberechenbaren
Finanzmärkte sollen sich nach dem Willen der EU-Kommission die
Unternehmen noch stärker verlassen, wenn es um ihre Finanzierung
geht. Den amerikanischen Kapitalmarkt vor Augen, glaubt man in
Brüssel, mit einer ähnlichen Finanzierungskultur auch die EU
beglücken und die Abhängigkeit von der Kreditfinanzierung senken zu
müssen. Nachdem Bankenunion und Überregulierung die Bedingungen für
Bankfinanzierungen erschwert haben, sollen jetzt mit Einführung einer
Kapitalmarktunion die Anleger in die Bresche springen. Eine Hoffnung,
die wohl enttäuscht wird. Denn für Pferde, die nicht saufen wollen,
spielt es keine Rolle, wie voll die Tränke ist, ob sie bei der Bank
oder an der Börse steht und wer die Tränke beaufsichtigt.

Selten sind die Grenzen staatlicher Überwachung so drastisch vor
Augen geführt worden wie mit dem Abgasskandal von Volkswagen. Die
Täuschungskultur in Wolfsburg hat nicht nur die Governance-Defizite
in diesem Familienunternehmen mit Staatsbeteiligung offenbart,
sondern auch das Gütesiegel „Made in Germany“ in Misskredit gebracht.
2015 wird als Jahr der Täuschungen und mancher Enttäuschung in
Erinnerung bleiben.

Pressekontakt:
Börsen-Zeitung
Redaktion

Telefon: 069–2732-0
www.boersen-zeitung.de

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