Börsen-Zeitung: Konzernklimawende, Kommentar zum Klimagipfel in Madrid von Christoph Ruhkamp

Mehr Hitzewellen, Dürren, Waldbrände, Stürme, Überschwemmungen
und Starkregen: Wie dringend es ist, den Klimawandel zu bremsen, ist jedem
Teilnehmer des Weltklimagipfels in Madrid bewusst. Doch allzu viel kommt nicht
voran: Im Pariser Vertrag setzten sich 2015 mehr als 190 Staaten zum Ziel, die
Erderwärmung auf 1,5 Grad bis maximal 2 Grad zu begrenzen. Zwei Drittel der
inzwischen rund 180 vorgelegten staatlichen Aktionspläne sind ungeeignet, die
Erderhitzung auch nur zu bremsen.

Ginge es weiter wie bisher, läge der Temperaturanstieg Ende des Jahrhunderts bei
bis zu 4 Grad. Die USA unter Präsident Trump steigen aus dem Pariser Vertrag
aus, und China baut mehr neue Kohlekraftwerke, als in ganz Europa in Betrieb
sind. Vielleicht schärfen in Madrid einige Staaten ihre Klimaschutzpläne nach.

Umstritten sind die Regeln dafür, wer sich welche Emissionsminderungen anrechnen
darf. Aus Sicht von Klimaschützern muss verhindert werden, dass sich Staaten
ihre Einsparungen selbst gutschreiben, diese dann aber auch noch an Drittstaaten
verkaufen.

Angesichts des relativen Stillstands, der beim Klimaschutz in der Welt der
Staaten herrscht, überrascht das Tempo, das einige Konzerne freiwillig und ohne
staatlichen Zwang vorlegen. Derzeit scheint es, als triebe die Welt der
Unternehmen den Klimaschutz schneller voran als die Regierungen und Parlamente.
Seit September haben sich mehr als 100 multinationale Konzerne zum 1,5-Grad-Ziel
bekannt, darunter große Namen wie Ikea, L–Oréal oder Hewlett Packard. Dahinter
steckt nur teilweise die Wirkung der aktuellen staatlichen Regulierung. Es geht
den Unternehmen darum, die Erwartungen der Millionen demonstrierender
Konsumenten zu erfüllen – und der wachsenden Anzahl von Investoren, die den Wert
ihrer Vermögen für den Fall einer künftig verschärften Regulierung in Gefahr
sehen und die Transformation frühzeitig voranbringen wollen.

Am stärksten waren bisher die Geschäftsmodelle der Energiekonzerne betroffen,
die im Eiltempo von Kohlemeilern auf Windräder wechseln mussten. Derzeit trifft
es vor allem die Autoindustrie, die vom Verbrennungsmotor auf Elektroantrieb
umschaltet. Und in Zukunft werden energieintensive Unternehmen aus den Branchen
Stahl und Zement anstatt fossiler Energieträger Wasserstoff zum Einsatz bringen
müssen. Ohne eine globale staatliche Regulierung wird es dabei nicht gehen. Die
Unternehmen können beim Klimaschutz nur so weit vorangehen, wie es ihnen der
globale Wettbewerb untereinander erlaubt.

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