Börsen-Zeitung: Widerlegung der Sorgen, Kommentar zu Siemens von Michael Flämig

Größte Transformation in der Unternehmensgeschichte,
Meilenstein und gewaltige Aufgabe: Siemens-Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser
griff auf der Jahrespressekonferenz ganz hoch, um den Umbau des Konzerns zu
beschreiben. Trotzdem ist dies vielleicht sogar untertrieben. Kein Mensch weiß,
welche Gestalt die drei künftigen Siemens-Konzerne für Industrie, Energie und
Medizintechnik in fünf bis zehn Jahren annehmen werden. Davon jedoch ist
abhängig, ob das Ganze eine Transformation in der Unternehmensgeschichte oder
ihr Ende sein wird.

Die Zeit wird es zeigen. Die Anleger trieben seit Verkündung des Umbaus viel
kurzfristigere Sorgen um. Die bange Frage lautete: Kann Siemens das? Dahinter
steckten dreierlei Ängste.

Erstens: Die Aufteilung von Siemens in zwei Hälften, nämlich einen Spezialisten
für Industrie-Digitalisierung und einen Experten für Energie, ist eine Operation
am offenen Herzen. Naturgemäß sind die Risiken dabei groß. Ein Detail zeigt die
Probleme: In 80 Ländern muss die Siemens-Organisation zweigeteilt werden. Es
wäre ein Wunder, wenn der Kundenkontakt nirgends litte. Auch wenn Siemens in der
Abspaltung von Einheiten viel Erfahrung hat, bleibt es gewaltig, fast 100000
Beschäftigte im laufenden Geschäft herauszulösen. Doch so weit erkennbar, läuft
der Prozess planmäßig. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Siemens die
noch lange Wegstrecke erfolgreich bewältigt.

Noch beruhigender ist eine andere Erkenntnis. Die Investoren begannen zu
zweifeln, ob der Vorstand sein Kernversprechen, dass die eigenständigen Firmen
schneller auf Veränderungen reagieren, einlösen kann. Denn nach dem dritten
Quartal musste der Kapitalmarkt registrieren, dass der Kernsparte Digitale
Industrien diese Anpassung misslungen war. Mit der Vorlage der Zahlen zum
Schlussquartal stellt sich heraus, dass es nur an Zeit fehlte, aber nicht an
Reaktionsfähigkeit. Knapp ein Monat war verständlicherweise zu wenig, um die
Organisation zu justieren. Im vierten Quartal dagegen ist dies eindrucksvoll
gelungen.

Die dritte Sorge: Das verbleibende Industrie-Digitalisierungsgeschäft habe in
den vergangenen Jahren nur einen Margen-Höhenflug erlebt und müsse zu
strukturell niedrigeren Renditen zurückkehren. Dies ist zwar unverändert nicht
ausgeschlossen. Aber der gewaltige Software-Umsatzsprung der Sparte im vierten
Quartal ist ein Hinweis auf das Gegenteil.

Der Konzern beginnt die Sorgen der Investoren zu widerlegen. Es war höchste
Zeit.

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