Börsen-Zeitung: Windstärke 9, Kommentar zum Maschinenbau von Daniel Schauber

Neun Monate mit Auftragsrückgängen in Folge
haben Deutschlands stolze Investitionsgüterindustrie schwer
verunsichert. Das ist spürbar auf dem Maschinenbaugipfel in Berlin,
wo sich die Branche derzeit zur Nabelschau trifft. “Die Windstärke in
der Industrie liegt schon zwischen 8 und 9″, antwortete
Maschinenbau-Verbandspräsident Carl Martin Welcker vor 700
Maschinenbaumanagern auf die bange Frage, wie schlimm es denn schon
sei.

Windstärke 8 bis 9: Das ist laut Beaufort-Skala weit mehr als eine
steife Brise, das ist ein richtiger Sturm. Bleibt man im Bild und
stellt sich den Maschinenbau als Baum vor – sagen wir mal als
kräftige deutsche Eiche -, dann werden Zweige brechen. Sieht man ihn
als solide gebautes Haus, dann fliegen die Ziegel vom Dach. Und sieht
man ihn als Schiff auf hoher See, dann türmen sich Wellenberge auf,
und Gischt beeinträchtigt die Sicht.

Nun ist Welcker ein Manager, der gerne mal einen flotten Spruch
macht und der auch das Stilmittel der Hyperbel gezielt einsetzt, wenn
es sachdienlich ist. Der oberste Maschinenbauer sprach in der
Bundeshauptstadt ja auch nicht nur vor seinesgleichen, den
Maschinenbauern nämlich, sondern vor der Bundeskanzlerin persönlich –
und da er zugleich von der Politik in schwerer See Beistand erbat,
liegt der Verdacht nahe: Der Maschinenbau-Cheflobbyist verfolgte mit
seinen durchaus alarmierenden Worten wohl auch das berechtigte
Interesse, die Lage keinesfalls weniger dramatisch darzustellen, als
sie ist.

Insofern sind seine Worte cum grano salis zu nehmen, zumal das
Bild von den Fakten kaum gedeckt ist: Zwar war der Auftragseingang
neun Monate in Folge rückläufig, doch immer noch sind die Orderbücher
aus dem vorangegangenen Boom gut gefüllt. So wird dieses und nächstes
Jahr mit einem realen Produktionsminus im Maschinen- und Anlagenbau
von je 2 Prozent gerechnet. Welcker bekräftigte diese Prognose
ausdrücklich. Zu erwarten ist also eine leichte Abkühlung auf hohem
Niveau und nicht ein Einbruch von 25 Prozent, wie ihn die Finanzkrise
im Jahr 2009 brachte.

Doch die schweren Jahre vor einer Dekade hat der Maschinenbau
nicht vergessen, und die Angst ist noch lebendig, es könnte bald
ähnlich steil abwärtsgehen wie damals. Noch hofft die Branche, dass
der Sturm mit Windstärke 9 schnell vorüberzieht und sich nicht zum
Orkan auswächst, der den Baum entwurzelt, das Haus verwüstet und das
Schiff zum Kentern bringt. Die gute Nachricht ist: Die letzten
Windmessungen deuten nicht darauf hin.

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